Europa

Das Ende des Nationalstaates überdenken

(Ronald G. Asch, WirtschaftsWoche)

Europas Zukunft

»Der Nationalstaat, das war und ist unter den Wohlmeinenden in Deutschland fast schon Konsens, ist ein politisches Auslaufmodell. Er mag noch, so denken die bien-pensants der aufgeklärten Öffentlichkeit, für eine begrenzte Zeit eine gewisse Rolle spielen, um unterhalb des Dachs der EU mit begrenzten Mitteln Kultur- und Bildungspolitik zu betreiben. Aber durch die Herausforderungen der Globalisierung, zu denen auch eine, wie man meint, permanente und nicht mehr lenkbare Massenimmigration gehört, sei er überfordert, und werde sich früher oder später auflösen.

In Deutschland ist diese Haltung besonders stark verbreitet, weil mit dem Dritten Reich der 1870 begründete Nationalstaat ohnehin gescheitert zu sein schien. Aber auch in vielen westeuropäischen Ländern findet man diese Einschätzung in maßgeblichen Kreisen. Deutlich seltener allerdings in Ost- und Ostmitteleuropa.

Freilich ist die Gewissheit, man könne das Zeitalter des Nationalstaats schon bald geräuschlos beenden, in jüngster Zeit doch deutlich erschüttert worden. Der Euro, der die EU mittelfristig zu einem wirklichen Bundesstaat werden lassen sollte, hat nicht zu mehr Einigkeit, sondern zu mehr Streit geführt. Großbritannien, immerhin eines der größten Länder der EU, hat sich überdies entschlossen, die Gemeinschaft zu verlassen. Das kann man als eine Fehlentscheidung sehen, mit der sich die Briten vor allem selbst geschadet haben, aber es bleibt bemerkenswert, dass jenseits des Kanals der Nationalstaat für einen großen Teil der Bevölkerung als Ordnungsmodell attraktiv genug ist, um erhebliche wirtschaftliche Verwerfungen in Kauf zu nehmen, wenn es um die Wiederherstellung nationaler Souveränität geht. In diesem Punkt sind sich die schottischen Nationalisten übrigens mit den englischen Brexiteers einig, nur wollen sie eben einen schottischen Nationalstaat und keinen britischen.«

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