Feuilleton

Bequem und hässlich

(Tanja Rest, SZ)

Deutschland einig Schlabberland

»Müsste man rückblickend ein Ereignis identifizieren, das symbolisch für das Ende der alten Kleiderordnung stehen könnte, so würde man wahrscheinlich die Ponader-Episode nennen. Mai 2012, in der Talkshow von Günther Jauch prallten zwei Stilbegriffe aufeinander: Da war auf der einen Seite der Moderator in Anzug und Krawatte, ein Paar frisch gewichster Budapester an den Füßen. Und da war auf der anderen Seite Johannes Ponader, neuer Chef der Piratenpartei. Er trug zur ausgebeulten Jeans ein apfelsinenfarbenes Hemd, darüber eine formlose Strickjacke und um den Hals Knitterschal; seine Barfüße steckten in Trekkingsandalen. Ponader sah aus, als fühle er sich bei Jauch sauwohl.

In einer Art letztem Aufbäumen raffte die alte, gebügelte und gescheitelte Bundesrepublik noch einmal alle Empörung zusammen, derer sie habhaft werden konnte. Die Welt watschte den ›Jesus-Freak‹ ab, der Münchner Merkur  tadelte den ›Parteimanager ohne Socken‹, die Bild-Zeitung stieg tief ins Papierarchiv hinab und kam mit dem Wort ›Lümmel!‹ wieder heraus. Und wirklich gab es unter den Bürgern dieses Landes ja einmal eine stillschweigende Verabredung, gewisse textile Standards nicht zu unterschreiten, sobald sie sich aus dem Bereich des Privaten hinausbegaben in die Öffentlichkeit. Nur war das Abkommen zu diesem Zeitpunkt schon längst aufgeweicht. Denn wie sah Ponader tatsächlich aus? Er sah aus wie die Mehrheit der Leute draußen auf der Straße.

Nun, die Lage ist seither nicht besser geworden.«

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