Feuilleton

Aufklären, nicht erziehen

Erik Ebneter und Hansjörg Müller im Interview mit Frank A. Mayer, BAZ

Wer die Menschen ständig erziehen will, ist kein aufklärerischer Geist

»Inzwischen leben Sie seit vielen Jahren hier. Hat sich die Stadt verändert?

Berlin ist verludert. Ich kenne keine nordeuropäische Metropole, die schlechter regiert wird als Berlin.

Tatsächlich?

Ja, das ist so. Ich lebe privilegiert auf einer Insel der Bürgerlichkeit, da sieht man viele Dinge nicht. Aber ich stosse darauf, sobald ich meinen Kiez verlasse. Es ist beschämend, wie Deutschland seine Hauptstadt verkommen lässt. Doch es sind die Wähler, die diese Wahl getroffen haben.

Die Stadt verludern zu lassen?

Berlin hat eine rot-rot-grüne Regierung. Das halte ich für fatal. Vor allem für die Grünen sind Menschen, die ein durchschnittliches und fleissiges Leben führen, nicht der Rede wert. Wer nicht hinnehmen will, dass sein Kind in einer Schule mit siebzig oder neunzig Prozent Migrantenkindern einen Startnachteil hat, ist für Rot-Rot-Grün ein Spiesser. Spiesser sind für diese Parteien auch alle, die sich über die Unsicherheit in den Parks und am Abend in den U-Bahn-Stationen beschweren. Man muss in Berlin schon einen Migrationshintergrund aufweisen, um Zuwendung zu erfahren. Es geht dieser Koalition vor allem um Minderheiten und deren spezifischen Bedürfnisse: um Multikulti.

Sie finden also, die Linke betone heute mehr das Trennende, weniger das Verbindene?

Ein Teil der Linken auf jeden Fall – diese Einschränkung ist mir wichtig. Ich meine vor allem die Grünen, die, sieht man genau hin, eine rechte Partei sind: romantisch, moralisch überheblich und von einem lutheranisch-deutschen Erziehungsfuror erfasst. Diese Linke – nicht die bürgerliche Sozialdemokratie! – ist identitär: Sie lehnt die Idee einer verbindlichen Leitkultur ab und hält kulturelle Identitäten für gesellschaftsstiftend. Das beste Beispiel ist ihr Umgang mit dem Islam. Grüne und reaktionäre Linke argumentieren mit der Religionsfreiheit, wenn sie begründen wollen, weshalb wir den autoritären Patriarchalismus und das aggressive Machogehabe des Islam zu tolerieren haben.«

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