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Deutschland

›Alle haben Angst vor Deutschland. Einschließlich der Deutschen selbst.‹

(Claudia Schwartz im Interview mit Andreas Rödder, NZZ)

Die deutsche Frage

»Andreas Rödder ist einer der bedeutenden deutschen Zeithistoriker. Als CDU-Mitglied mischt er sich regelmässig in die Politik ein. Eines der grössten Probleme sieht er derzeit darin, dass die Deutschen nur noch moralisieren statt argumentieren. Für die deutsche Aussen- wie die Innenpolitik hat das schwere Folgen.

Herr Rödder, warum ist die deutsche Frage gerade jetzt wieder aktuell?

Erstens befürchteten schon 1990 viele, ein wiedervereinigtes Deutschland würde zur neuen Vormacht in Europa werden. Mit der deutschen Vereinigungskrise trat diese Wahrnehmung eine Zeitlang zurück. Seitdem Deutschland aber zu neuer ökonomischer Stärke gefunden hat, also seit etwa 2005, hat es wieder jene ›halbhegemoniale Stellung‹ in Europa, von der schon für das Bismarck-Reich die Rede war. Aktualisiert wurden diese Potenziale dann, zweitens, durch die Euro-Schuldenkrise und die Flüchtlingskrise.

Schon beim Westfälischen Frieden und beim Wiener Kongress ging es ja darum, Deutschland zu schwächen. Wo liegt denn da für Sie als Historiker die deutsche Frage?

Die deutsche Frage gibt es grundsätzlich in zwei Varianten. Die eine ist die Frage nach den territorialen Grenzen und der Verfassung – das war die deutsche Frage vor 1871 und nach 1949. Die andere ist die Frage nach der Verträglichkeit der deutschen Stärke mit der europäischen Ordnung – das ist die deutsche Frage von 1871 und seit 1990. Hinzu kommt eine grosse historische Irritation: Deutschland hat im 20. Jahrhundert eine beispiellose Geschichte der Zerstörung und der Selbstzerstörung erlebt. Und dennoch, trotz Weltkriegen, Diktaturen, Holocaust, Hyperinflationen und Teilung, steht das Land heute wieder da, wo es 1914 stand: Es ist die stärkste Macht in Europa. Das ist eine Geschichte, die für die Nachbarn ebenso beunruhigend ist wie für die Deutschen selbst.

›Wer hat Angst vor Deutschland‹, lautet der Titel Ihres neuen Buches. Wer hat denn Angst vor Deutschland?

Alle.

Alle?

Einschliesslich der Deutschen selbst.«

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