Feuilleton

Turbo der Gentrifizierung

Fahrverbote als Turbodiesel der Gentrifizierung

(Don Alphonso, FAZ) »Fahrverbote in Innenstädten sind der V8-7,5Liter-Turbodiesel ohne Abgasreinigung für die Gentrifizierung. Denn es wird immer zu viele Reiche geben, die zu ihrem Arbeitsplatz müssen und sich keiner Beschränkung unterwerfen wollen, und dazu muss man in der ZTL wohnen. Oder, was schon jetzt die Realität in München ist: In der Stadt eine Zweitwohnung haben. Und so ziemlich die ersten, die jeder Vermieter mit Hirn und wenig Gewissen dann auf die Strasse setzen würden, wären die Kollegen der wirklich im Niedergang begriffenen schreibenden Zunft, oder linke Amateurpolitiker, die überhaupt nicht begreifen, was die Folgen ihrer – und nicht zwingend meiner – Vorstellungen sein werden. Wer es sich wie die grünen Bio-Gentrifizierer leisten kann, wohnt innerstädtisch. Wer arbeiten muss, wohnt so nah wie möglich beim Arbeitgeber. Wer keine Arbeit hat, wird zwangsweise umgesiedelt – dorthin, wo seine Existenz nicht dem Wohlergehen der Wirtschaft im Weg ist. Man schickte früher auch die Schweinehüter in die Wälder. Und je größer die Einkommensunterschiede sind, desto brutaler wird das durchgezogen.

Meine Kollegen sehen die schicken Mütter und Anzugträger auf Rädern, oder Gruppen lachender Mädchen, die aus dem Lyzeum kommen und Louis-Vuitton-Taschen in den Radkörben haben. Sie sehen die kleine Salumeria am Eck und nebenan die Vintage-Schmuckhändlerin und denken, na also, geht doch, Autos raus und es wird schön. Schön wird es, reich wird es, Kunden für solche Geschäfte gibt es, weil die Reichen hier leben. Menschen, die auf dem Niveau meiner Kollegen leben, leben ganz sicher nicht hier. Für die gibt es Blocks hinter Citadella, Blocks bei den Raffinerien auf der anderen Seite des Sees, Blocks bei den riesigen, autogerechten Einkaufszentren, wo man seine Waren selbst vor den Scanner halten muss, weil wieder Arbeitskräfte eingespart werden. Dort draußen vor der Stadt, wo man sich ein Auto leisten muss, weil man sich das schöne Leben in der ZTL nicht leisten kann. Die Kinder können in der Stadt zwar Albertis Dom zeichnen, aber sich kaum nebenan im Cafe einen Eistee leisten.«

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