Pictures of America USA

Trumps weiße Männer

Trump gewann die ‚weißen Männer’ nicht – Clinton verlor sie

Die Berichte und Analysen in den europäischen Medien nach Trumps Wahlsieg glichen einander wie die wöchentlichen Sonntagspredigen eines Pfarrers, der kurz vor seiner Pensionierung steht. Ein kurioser Einheitsbrei, mal als Kommentar dann wieder als Reportage, mit Simplifizierungen und Vorurteilen und einer unglaublichen Überheblichkeit gegenüber einer bestimmten Gruppe von Amerikanern. Der Trump-Wähler wurde zum Inbegriff des Rassisten und Sexisten: der ‚weiße Mann’, ungebildet, zum überwiegenden Teil arbeitslos, frustriert und enttäuscht rannte er einem Blender hinterher, der ähnlich wie in Thomas Manns Mario, der Zauberer die Menschen verführte und ihnen das Versprechen gab, sie und Amerika wieder groß zu machen!

Die Region, auf die man sich bezog, und die letztendlich die Wahl entschied, war der sogenannte ‚Rust Belt’ – oder ‚Rostgürtel’ – die älteste und größte Industrieregion in den USA, von Chicago über Detroit, entlang den großen Seen, über Cleveland, Cincinnati, Pittsburgh bis zur Ostküste mit Boston, Washington DC und New York. In den Staaten Illinois, Michigan, Indiana, Ohio, Pennsylvania, New York und New Jersey konzentrierte sich einst Amerikas Industrie, die 1790 mit einer Baumwollspinnerei begann und in den Jahrzehnten bis zum 2. Weltkrieg das kommerzielle Rückgrat der USA bildete.

Der Abstieg der Region als Industriezentrum begann in den 1960er Jahren mit der Verlagerung der Produktionen in Billiglohnländer. Während sich Städte wie Cincinnati und Pittsburgh mit Technologie- und Dienstleistungsunternehmen an die Veränderungen anpassten, versanken einstige Zentren wie Detroit und Youngstown im Chaos, mit hoher Kriminalität, urbanem Verfall und einem extremen Bevölkerungsverlust. Zwischen den Jahren 2000 und 2015 verlor Detroit 30% seiner Bewohner. In Gary, einer einst blühenden Industriestadt südlich von Chicago, bietet die Stadtverwaltung ganze Straßen mit leeren Wohnhäuser zum Preis von je einem Dollar an, wenn man sich verpflichtet, die Häuser zu renovieren.

Mythos Rust Belt – Hochburg der Demokraten

Politisch war der Rust Belt immer eine sichere Hochburg der Demokraten – auch ‚The Blue Wall’ genannt – bis zur Überraschungswahl von Donald Trump. Doch in den letzten Monaten sind genauere Analysen des Wahlergebnisses veröffentlicht worden, die nicht zu den klischeehaften Erklärungsversuchen passen, die uns von den Medien nach der Wahl Trumps angeboten wurden. Dabei wären doch die Bilder so überzeugend gewesen. Mit dem typisch einfältigen weißen Ami, der Baseball Kappe, übergewichtig, noch nie ein Buch gelesen, und außer Country-Western Music im Radio seines Pick-Up Trucks nichts Anderes eingespeichert. Die neuen Zahlen zeigen ein anderes Bild.

Zusammenfassend könnte man die Daten so interpretierten: Die Republikaner konnten sicherlich einen Teil der amerikanischen Arbeiterklasse für sich gewinnen, die üblicherweise nicht für sie stimmte, doch ausschlaggebend war die Tatsache, dass die Demokaten vor allem deshalb verloren, weil ihre Anhänger einfach nicht zur Wahl gingen.

Im sogenannten Rust Belt 5 (das sind die entscheidenden Staaten Iowa, Michigan, Ohio, Pennsylvania, Wisconsin) konnten die Republikaner etwa 335.000 Wähler (ca. 10%) in der Gehaltsgruppe unter 50.000 USD im Vergleich zu 2012 dazugewinnen. Im selben Wähler-Segment verloren die Demokraten allerdings 1.2 Millionen Stimmen, das entspricht einem Verlust von 22% der Wähler im Vergleich zu 2012. In der Gehaltsklasse 50 – 100.000 USD gewannen Republikaner 26.000 Stimmen, während die Demokraten 380.000 verloren. Regionale Analysen aus Wisconsin zeigen vor allem in ärmeren Gebieten einen dramatischen Verlust von Unterstützung für die Demokraten, ohne dass die Republikaner davon profitieren konnten.

Auch der Vergleich des Wählerverhaltens zwischen den einzelnen Gehaltsgruppen zeigt kaum Unterschiede. Der Zuwachs für die Republikaner in den Einkommensgruppen unter 50.000, 50 – 100.000, und 100 – 300.000 lag immer zwischen acht und zehn Prozent und widerlegt auch hier die Theorie, dass Trump mit falschen Versprechungen und Demagogie vor allem die ärmeren Schichten für sich gewinnen konnte.

Clintons Fehler machten Trump zum Sieger

Im Wählersegment ‚Weiße Amerikaner’ verloren die Demokraten im Rust Belt 5 im Vergleich zu 2012 fast eine Million Wähler, unter ihnen etwa 770.000 Männer. Damit verlor Clinton fast 25% der ‚weißen Männer’, die noch 2012 Obama unterstützten. Trump bekam allerdings weniger als 5% mehr Stimmen in dieser Gruppe im Vergleich zu Romney 2012. Der Rest ging einfach nicht zur Wahl. Auch diese Zahlen unterstützen nicht die Analysen, dass die ‚frustrierten weißen Männer’ diesmal den Republikanern zum Sieg verhalfen. Sie verweigerten vielmehr den Demokraten die Unterstützung.

Ein weiterer Grund für die Niederlage der Demokraten war das Verhalten der Minderheiten. 400.000 Wähler – das sind mehr als 10 Prozent – aus diesem Segment, die traditionell demokratisch wählen, gingen im Vergleich zu 2012 nicht zur Wahl. Schwarze und Hispanics galten in der Vergangenheit bis zur Wahl Obamas als die sichere ‚Wählerreserve’, um die man sich während des Wahlkampfes kaum kümmern müsse. Zwischen 2012 und 2016 verloren die Demokraten fast ein Viertel dieser Wählergruppe, ohne dass Trump sie für sich gewinnen konnte.

Wake up call für die Demokraten

Neben Trump und Clinton kandidierten weitere ‚unabhängige Kandidaten’, die völlig chancenlos am Rennen um die Präsidentschaft teilnahmen. Dennoch bekamen die ‚Unabhängigen’ im Rust Belt 5 die dreifache Anzahl Stimmen im Vergleich zu 2012. Das ist ein weiterer Hinweis, dass es weniger die Begeisterung für Trump war, die den Ausgang der Wahl beeinflusste, als die Frustration über die Kandidatin der Demokraten.

Die Präsidentschaftswahl 2016 war daher keine ‚Revolution der weißen Arbeiterklasse’ im Sinne des Wechsels von den Demokraten zu den Republikanern. Von den 1,4 Millionen Wählern, die Clinton im Vergleich zu Obama im Rust Belt 5 verlor, hat Trump weniger als die Hälfte für sich gewinnen können. Es war eher eine Revolution gegen die Demokraten und ihre Kandidatin.

In Vorbereitung auf die regionalen Wahlen und die nächsten Präsidentschaftswahlen gehen daher die ‚Think Tanks’ der Demokraten völlig neue Wege: Nicht der ‚weiße Amerikaner’, der Trump unterstützte, muss zurückgeholt werden, sondern die große Anzahl der Nicht-Wähler. Die Nominierung Clintons war rückblickend der entscheidende Einfluss auf das Ergebnis, und nicht so sehr der Erfolg der populistischen Propaganda des republikanischen Kandidaten. Neue politische Strategien orientieren sich weniger am Stil und den politischen Inhalten Trumps, sondern an den Motiven und Ursachen der Verweigerung eines großen Teils der traditionellen Stammwähler:

Der ‚weiße Mann’ soll nicht als Unterstützer von Trump zurückgeholt werden, sondern einfach wieder zur Wahl gehen.

 

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