Fannys Salon Feuilleton

Sommerregen

Der Duft des Regens

Es regnet in Wien.

Nach einigen durchschwitzten „Hundstagen“ schüttet es hinunter auf den Wienerwald, der vor meiner Haustür liegt. Er, der zu Wien gehörige Laub- und Mischwald, beherbergt meine Freunde die Füchse, Dachse, Igel und allerlei Eulen. Weil ich da irgendwie hingehöre, haben wir hier vor Gründung einer Familie ein Domizil erstanden, das uns Heimat geworden ist. Wir haben das Haus wie es uns der Rabbiner, als wir uns trauten, unter der Chuppah empfohlen hatte, zu unserem Zuhause gemacht. Wir haben die Geschichte des sehr betagten Altbaus inhaliert, haben die Gemäuer auf Vordermann gebracht, richten andauernd ein und ziehen die Brut darin auf. Wir empfangen Gäste, wir bekochen sie, wir erzählen uns lustige Geschichten, wir lieben einander und die Unseren und haben somit einen Platz geschaffen, der Kraft und Halt im Leben gibt.

Gerade hatten wir Besuch, meine Familie aus England. Wenn sie abreisen, was sie am Freitag noch vor Shabbat gemacht haben, ereilt mich immer ein regnerisches Gefühl der Melancholie: Was wäre gewesen, wenn ich wie geplant mein Postgraduate in England absolviert hätte? Wenn ich nicht der Liebe wegen hier in Wien geblieben wäre, wenn ich mich im Süden Englands niedergelassen hätte, wenn ich jeden Tag Engländer, englische Landschaft, das unvergleichliche Grün und den duftenden Regen erleben könnte? Im Tal dieser Gedanken fühle ich mich ähnlich einsam wie damals als Kind, wenn mich Grandpa nach einem Sommeraufenthalt bei ihm in Gatwick abgesetzt hatte und sich am Gate lauter Österreicher um mich scharten, ich mich zwar freute, zu meinen Eltern nach Wien zurückzufliegen, aber trotzdem so ein Gefühl der Fremdheit und des Verlorenseins in dieser österreichischen Kultur, die doch ganz meine sein sollte, über mir schwebte.

Jetzt regnet es also vor meinen Fenstern mit Blick in einen englisch angelegten Garten, in dem es grüner grünt als wenn Spaniens Blüten blühen. Ich sehe Unmengen zart blühender, weißer Hortensien, für die ich extra ein Moorbeet angelegt habe. Ich weiß, dass man das nicht tun sollte von wegen Torf und so, vor 15 Jahren wusste ich es noch nicht und so freue ich mich jetzt darüber, dass es nun schon mal da ist.

Mein Einrichtungsstil hat unübersehbar einen gewissen Drall Richtung englisch. Abgesehen vom Gugelhupf, den ich in einer norddeutschen alten Aluminiumform meiner Großmama väterlicherseits backe, sind meine Mehlspeisen mit Scones, Lemon cakes, Meringues und Shortbread auch nicht sehr österreichisch.

Auf der anderen Seite ist Deutsch meine Muttersprache. Ich gehöre zu einer sehr kleinen Minderheit in meinem Freundeskreis, die allen Ernstes amerikanische Serien in deutscher Übersetzung schaut. Dafür ernte ich meist nur entsetztes Kopfschütteln, wie kann ich nur. Ich kaufe mir englischsprachige Bestseller auf Deutsch. Meine Tochter spricht lupenreines Amerikanisch, ich lasse das ohne Nörgeln zu.

Was bin ich also?

Ich glaube, ich bin eine Frau, die sehr gern die Familie beisammen hat. Eine, die mit Abschieden nicht gut zurecht kommt, wenn sie auch nur auf Zeit sind, im August sehen wir einander ja wieder, dann in England.

Ich bin jemand, der den Sommer nicht besonders gern mag.

Außerdem liebe ich mein Zuhause und das ist nunmal im Wienerwald.

Und eigentlich duftet der Regen hier genauso herrlich wie auf der britischen Insel.

 

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