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Schweinsteiger in Chicago

Photo: HighlanderICT (edited), CC BY-NC-SA 2.0

Der Weltmeister im fußballerischen No-Man’s Land

Vor ein paar Wochen in Los Angeles. Zweite Halbzeit im Spiel Chicago Fire gegen Los Angeles Galaxy. Es steht 2:1 für Chicago. Los Angeles hat eben den Anschlusstreffer erzielt, verliert jedoch sofort nach dem Anstoß den Ball und einer der Spieler von Chicago schießt eine weite Flanke in Richtung des Deutschen, der zum gegnerischen Tor läuft.

Doch was macht Schweinsteiger? Er fängt den Ball mit den Händen statt ihn abprallen zu lassen, presst ihn an seinen Körper und bleibt stehen, schaut sich unsicher um und fragt den herbeieilenden Schiedsrichter, warum das Spiel unterbrochen worden sei. Dieser bläst jedoch voller Erregung in sein Pfeiferl, zeigt ihm die gelbe Karte und gibt einen Freistoß gegen Chicago.

Schweinsteiger sagte später in einem Interview, er habe schon viel erlebt in seiner Karriere, dass man allerdings in der Dunkelheit mit in Kreisen drehenden, bunten Flutlichtern spielen müsse, sei ihm neu. Er habe den Ball kaum gesehen. Nach dem Tor des Teams von Los Angeles sei es plötzlich dunkel geworden im Stadium. Kurze Zeit später dröhnte laute Musik aus den Lautsprechern und Lichter flackerten in unterschiedlichen Farben wie bei einer Silvesterfeier. Die Show wurde auch nach dem Anstoß nicht abgebrochen, sodass Schweinsteiger nicht wusste, was los war, als ihm der Mitspieler den Ball zuspielte. Doch der Weltmeister von 2014 reagierte auf die Kritik des Schiedsrichters mit entsprechender Gelassenheit, legte den Ball brav auf das Spielfeld, schüttelte noch etwas verzweifelt den Kopf und spielte weiter.

Der ehemalige Star vom FC Bayern München, der trotz Millionen-Vertrag bei Manchester United zuletzt mit dem Nachwuchs trainieren musste, begann im März 2017 bei Chicago Fire mit einer Fußball-Pension von 5 Millionen Euro pro Jahr – in einer, wie er selbst sagt, neuen Fußball-Welt. Die letzten beiden Saisonen beendete sein Team mit dem letzten Platz. Derzeit liegen sie auf Rang 6, und wenn sie dort bleiben, erreichen sie damit die Playoff-Runde, wo es um die Meisterschaft geht.

Fußball hat eine wechselhafte Geschichte in den USA. Der erste Verein wurde schon 1862 in Boston gegründet, also noch vor der Gründung des offiziellen Britischen Fußballverbandes. Die Initiatoren der sogenannten Boston Games hatten allerdings ihre eigenen Regeln. Der Ball wurde zwar mit dem Fuß gespielt, aber in gewissen Situationen war es auch erlaubt, ihn mit den Händen weiterzutragen. Später trennten sich die Wege zwischen Rugby/American Football und Soccer, wie die Amerikaner den Internationalen Fußball nennen, obwohl der Begriff ursprünglich aus England kommt. Angeblich soll Charles Wreford-Brown, ein Student in Oxford einfach statt Association zuerst die Abkürzung ‚A Soc-Er’ benutzt haben, woraus dann die eher im Dialekt benutzte Abkürzung socker und später soccer wurde. Erst 1911 wurde das Wort zum ersten Mal ins offizielle Oxford Dictionary aufgenommen. Heute gibt es eine Profi- und eine Amateur-Liga. Beide Ligen vergeben Lizenzen nach dem Franchiseverfahren, sodass nach dem Erwerb einer Vereinsberechtigung dieser Club auch nicht mehr absteigen kann.

Trotz knapp zehn Millionen offizieller Spieler in den USA – das sind mehr als bei American Football – haben es weder Vereine noch Nationalmannschaft geschafft, international den Anschluss an die Weltspitze zu schaffen. Mit verlockenden Verträgen werden Stars meist nach ihren aktiven Karrieren nach Amerika geholt und verdienen hier mehr als alle anderen Spieler gemeinsam im selben Team. Schweinsteigers Gehalt liegt noch weit unter dem des Brasilianers Kakás und des Italieners Giovinco, die beide mehr als 7 Millionen Euro pro Jahr kassieren. Die Spiele sind oft schlecht besucht und die Shows in den Pausen und vor und nach dem Spiel sind den Zusehern oft wichtiger als die Ereignisse auf dem Spielfeld. Europäische Spitzenteams wie FC Barcelona, Manchester United und Real Madrid kommen ein bis zweimal für Freundschaftsspiele in die USA. Die Preise der Tickets für diese Spiele sind jedoch für ‚normale’ Fans unerschwinglich. Ein guter Platz beim letzten Besuch von FC Barcelona in Miami war nicht unter 1000 Euro zu bekommen. Die Einnahmen der Dachgesellschaft werden nach absurden Schlüsseln verteilt, sodass selbst Spieler der Spitzenklubs sich um Werbeaufträge und Produktpräsentationen raufen, um zu überleben. Die Summe der Gehälter für alle Spieler in der Fußball-Profi-Liga liegt bei etwa 130 Mill USD pro Jahr. Das ist weniger als die Hälfte dessen, was ein einziger Baseball-Top-Verein, wie zB die Los Angeles Dodgers Roster, an seine Mannschaft ausbezahlt.

2011 engagierten die Liga-Präsidenten des Deutschen Jürgen Klinsmann als Trainer der Nationalmannschaft. Trotz einiger Achtungserfolge wie das Erreichen der letzten 16 beim World Cup 2014 wurde sein Vertrag im November 2016 wegen mangelnden Erfolgs bei der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 vorzeitig gekündigt. Mit dem Amerikaner Bruce Arena als Coach hofft man die restlichen Qualifikationsspiele zu gewinnen. Doch es interessiert eigentlich niemanden. Fußball ist in den USA und Kanada ein Sport für die Einwanderer aus Süd-Amerika und Europa. Im Fan-Sektor der Chicago Fire hinter dem Tor sitzen zu 90 Prozent Hispanics (Amerikaner aus Mittel- und Süd-Amerika) in ihren roten T-Shirts und feuern ihre Mannschaft mit riesigen Trommeln an. Hier hört man kein Wort Englisch.

In den Sport-Bars in Chicago, Los Angeles und New York zeigt man gleichzeitig auf mehreren TV-Schirmen Baseball, American Football, Basketball und Eis-Hockey, und manchmal am Nachmittag wegen des Zeitunterschieds Spiele der Champion League, der Deutschen Bundesliga oder der Premier League. Es gibt ein paar wenige ‚Soccer-Bars’, wo sich meist Europäer treffen, um die Spiele ihrer Lieblings-Mannschaften zu verfolgen.

Auf den Unterschied zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Stil angesprochen, antworteten Kaká und Schweinsteiger in verschiedenen Interviews, dass das größte Problem die mangelnde Spieltechnik sei. Pässe würden nicht ankommen, Mitspieler verlieren zu oft den Ball und das Stellungsspiel am Platz funktioniere nicht. Körperlich seien sie den Spielern in Europa und Süd-Amerika oft überlegen, spielerisch kämen sie jedoch nicht an dieses Niveau heran. Einen ernstzunehmenden Nachwuchs gäbe es kaum, da fast alle jungen Talente versuchen, im Ausland ein Engagement zu bekommen. So ist die USA mit einer mittelmäßigen eigenen Liga zu einem der größten Exporteure von Fußballern geworden. In der Bundesrepublik spielen etwa 40 Amerikaner, in England 18, in Schweden und Finnland je 20, in Israel und Vietnam je drei. Sogar ein Team in Afghanistan – der Ferozi FC der Kabul Premier League – hatte einen US-Fußballspieler unter Vertrag.

Schweinsteiger scheint jedoch die Zeit in Chicago zu genießen. Seit kurzem mit der ehemaligen Nummer eins der Tennis-Weltrangliste, Ana Ivanovic, verheiratet, versucht er, die Stadt zu entdecken und einen Alltag zu leben, den er bisher nicht kannte. Niemand erkenne ihn hier, erzählte er in einem Interview. Keiner spreche ihn auf der Straße oder in einem Restaurant an, oder möchte mit ihm gemeinsam fotografiert werden, und im Flugzeug habe sein Nachbar nicht die geringste Ahnung, wer er sei. Vor kurzem durfte er den ersten Ball bei einem Spiel der Chicago Cubs werfen, doch der eigentliche Spaß dabei war das Problem des Ansagers, seinen Namen auszusprechen.

Die Anonymität zeige sich oft auch von ihrer kuriosen Seite. Als er nach einem Spiel mit seinen Mitspielern den Platz verließ, wollte ein Zuseher ein Foto von sich selbst mit einigen Spielern und bat Schweinsteiger, das Foto zu machen. Er dachte, er sei der Balljunge.

 

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