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Moralische Selbstbeschwörung

Rebellion gegen die linke Sonntagspredigt

(Reinhard Mohr, NZZ) „Ein halbes Jahrhundert später hat sich die Situation komplett gedreht: Der Mainstream in Medien und Politik ist im Zweifel deutlich links der Mitte, emanzipiert, ökologisch, nachhaltig, gendergerecht. Die Grünen, im Nachhall des 68er Protests gegen das bürgerliche Establishment gegründet, sind längst zur alternativlosen Staatspartei mit Hang zur Hypermoral geworden, während der rechte Flügel der konservativ-liberalen Wählerschaft zur offenen Rebellion übergegangen ist – teilweise in roher Form bis hin zu eindeutig rechtsradikalen Positionen. Das Ergebnis ist einigermassen grotesk: Die klassische Sonntagspredigt zur Verteidigung des Wahren, Schönen, Guten – vom Windrad bis zur Willkommenskultur – halten nun die einstigen Rebellen von 68 und ihre links-grünen Adepten, während die radikale Gesellschaftskritik jetzt von rechts vorgebracht wird – ein Hauch von Weimar.

Vor allem die Grünen, einst treibende Kraft der gesellschaftlichen Veränderung, sind nun selber zu Getriebenen der realen Umbrüche geworden.

Die moralisch-politische Selbstbeschwörung des links-grünen Milieus setzt dem Protest von rechts die bewährten Prinzipien von Demokratie, Toleranz und Rechtsstaat entgegen, ohne sie nach ihrer praktischen Tauglichkeit zu befragen. Doch genau um diesen schmerzhaften Praxistest geht es: um den Euro als Fehlkonstruktion, das Scheitern der EU in der Flüchtlingskrise, um Fehleinschätzungen bei den Themen Einwanderung, Kriminalität, Terror und Integration, Islam und säkularer Staat.“

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