Europa Feuilleton Österreich

Moderne Hexenjagden

Photo: University of Nottingham, CC BY-NC-SA 2.0

Geschummelt. Was nun?

Vorweg ein Geständnis. Ich habe vor mehr als 30 Jahren einem türkischen Freund die Magisterarbeit geschrieben. Er hat dabei natürlich mitgeholfen, aber seine Deutschkenntnisse waren einfach nicht ausreichend sie selbst zu verfassen, meine schon.

Und in der Mittelschule habe ich einem Kollegen bei der Deutsch-Matura die Bestriche gesetzt und Rechtschreibfehler ausgebessert, der heute ein erfolgreicher Zahnarzt ist. Ohne Matura kein Studium. Ohne Studium kein Zahnarzt.

Interessiert keinen? Stimmt genau.

Dabei ist die Frage, die man zu diesen Petitessen stellen könnte, die gleiche, die immer auftaucht, wenn so genannte ‚Plagiatsjäger‘ auf den Plan treten und enthüllen, wer vor was weiß ich wie vielen Jahren gegen akademische Zitierregeln verstoßen hat. Wie sanktioniert man den Erwerb akademischer Ehren mit unlauteren Mitteln?

Derzeit steht darauf automatisch die Höchststrafe. Aberkennung des Titels, Jobverlust, gesellschaftliche Ächtung. Im Zweifel gegen den Angeklagten, denn bei dessen Reputation bleibt immer etwas hängen. Verjährung: keine.

Die Verurteilten: ausnahmslos Personen in gehobenen Positionen von öffentlichem Interesse. Schummeln wird nur dann geahndet, wenn jemand dafür bezahlt, den Schummler in Misskredit zu bringen.

Denn natürlich geht es nicht um die akademische Qualität einer wissenschaftlichen Arbeit, die vor vielen Jahren verfasst worden ist. Der ganze Aufwand dient nur einem einzigen Zweck: der Vernichtung der bürgerlichen Existenz eines unliebsamen Gegners.

Und so ist es kein Zufall, dass die akademisch geadelte Schnüffelei gerade in einer Zeit prosperiert, in der sich der politische Angriff vorrangig nicht gegen die Aussagen des Gegners richtet sondern gegen seine Person. Im Krieg um Jobs und Meinungshoheit werden keine Gefangenen mehr gemacht.

Staatsaffäre

In Österreich wird gerade die Dissertation des designierten Staatsoperndirektors Bogdan Roščić zur Staatsaffäre hochgekocht. Verfasst 1988 mit dem packenden Titel: „Gesellschaftstheorie als Kritische Theorie des Subjekts – Zur Gesellschaftstheorie Th. W. Adornos“. Von den 114 Seiten seien die ersten fünf abgekupfert, behauptet Stefan Weber, Sachverständiger für Plagiatsprüfungen und Österreichs bekanntester ‚Plagiatsjäger‘, dessen Auftraggeber wenig überraschend unbekannt ist. Gut möglich, dass Weber seit 1988 der erste war, der diese Dissertation gelesen hat.

Roščić war fast 10 Jahre lang Chef von Österreichs größtem Radiosender Ö3 und seit 2009 mit dem Aufbau der Klassik-Sparte von Sony-Music betraut. Als Ö3-Chef hat er sich mit seiner Weigerung, österreichische Musikschaffende zu spielen, viele Feinde gemacht. Seinen Kritikern gilt er als ‚Zerstörer des Austropop‘. Ihnen beschied er schmallippig: „Es gibt kein Menschenrecht auf Airplay“.

Ich kenne Bogdan Roščić nicht, Ö3 ist mir gleichgültig, und mit hoher Wahrscheinlichkeit steht er einer Partei nahe, die mir eher nicht nahe steht. Außerdem verstehe ich viel zu wenig von der Führung eines Opernhauses, um eine Meinung darüber zu haben, ob er als Staatsoperndirektor qualifiziert ist. Seine Nominierung hatte mich überrascht.

Aber die aktuelle Kampagne finde ich abstoßend, genauso wie jene zuvor gegen Hahn, Lammert, Guttenberg, Schavan, Koch-Mehrin und andere. Die FAZ charakterisiert die Plagiatsjagd treffend::

Inzwischen scheint es allerdings so, als seien die Plagiatsplattformen des Internets zu einem modernen Pranger geworden, die Plagiatssuche zu einer modernen Form der Hexenjagd. Das wirkt sich selbst in den Berufungsverfahren von Universitäten aus. So soll es sogar Bewerber um Professuren geben, die rechtzeitig einen Plagiatsvorwurf lancieren, um den Konkurrenten zur Strecke zu bringen und ein neues Berufungsverfahren zu erzwingen.“

In der Politik und bei Jobbesetzungen sollte es um zwei Fragen gehen: „Hat er/sie recht?“ und „Kann er/sie das?“. Die akademischen Hexenjäger leisten zur Antwort keinen Beitrag.

 

Kommentar verfassen