Feuilleton

Life upgraded

Die Schnäppchenjäger

Gesellschaftliche Ereignisse in ‚2er Gruppen‘ machen mir die größten Schwierigkeiten. Jene 2,4,6,8 Personen-Abende, meist von Frauen geplant, die nur zu gut ohne ihre männlichen Begleiter auskommen würden, jedoch dann und wann mit der Idee überraschen, es wäre doch einmal lustig, auch die Männer dabei zu haben.

Diese gehorchen brav, suchen nach der entsprechend lockeren Kleidung, gemütlich, angenehm, aber dennoch den Sinn für Mode und zeitlose Eleganz zeigend, also irgendwo zwischen dem Büroanzug und der Laufhose.

Da man die Intimität der Frauen untereinander nicht gewohnt ist und als Mann ohnehin kaum bereit ist, Privates von sich zu geben, fängt man am besten mit dem Reisen an. Wo man war, wie man hinkam, was man sah, wen man traf und wie man wieder nach Hause fuhr. Harmlose Erzählungen möchte man meinen. Im Notfall, wenn man grad nirgenst wo war, dann halt über Urlaubspläne in der nahen Zukunft.

Reiseberichte hatten früher immer etwas Beschreibendes und je nach Erzählkunst des Erzählers waren sie entweder interessant oder eben langweilig. Wie bei einer Bildbeschreibung können Bilder bei den Zuhörern entstehen und man ertappte sich manchmal bei der Überlegung, ob man nicht selbst eine Reise in diese oft wunderbar beschriebe Welt wagen sollte.

Wenn einer eine Reise tut

Doch im Zeitalter der ewigen Konkurrenz haben sich selbst Schilderungen von Reisen verändert, wirkten zwanghaft und für die Zuhörer unerträglich. Das geht dann etwa so:

Wir wollten nach soundso und fanden einen Preis im Internet für die Flugtickets, der weit unter dem Normalpreis für Economy lagen. Am Flughafen sprach ich mit einem Vertreter der Fluglinie, ich habe da meine Methoden, und wir wurden selbstverständlich in die Business Class gesetzt. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was das für ein Gefühl war, wenn man weiß, was die anderen dafür bezahlt haben.

Und das geht dann so weiter:

Wir kamen zu dem Hotel für das wir ein Zimmer natürlich online über diese und jene Buchungsapp buchten, das nur die Hälfte des offiziellen Preis kostete und – ich verhandelte an der Rezeption so lange, bis man uns ein Upgrade gab. Ihr glaubt es nicht, wir hatten eine Suite mit Balkon um den halben Preis eines Einzelzimmers.

So weit so gut die Anreise. Dann folgt meistens folgende Information:

Wir fanden ein Restaurant , das kann sich keiner vorstellen. Kein einziger Tourist, nur Einheimische und spottbillig. Der Wirt begrüßte uns wie vor langem verlorene Verwandte und spendierte uns noch einen Schnaps nach dem Abendessen. Natürlich kostenlos.

Manchmal wird die Erzählung noch abgerundet mit der Beschreibung des besonders günstigen Einkaufs irgend einer Sinnlosigkeit, die es nur in ganz ausgewählten Geschäften gäbe, von denen all diese normal reisenden Idioten natürlich keine Ahnung hätten.

Ein vollzahlender Idiot?

Da sitzt man diesen Männer gegenüber und denkt sich, wie blöd bin ich eigentlich. Ich zahle immer den vollen Preis, bekomme nie ein Upgrading und esse in Restaurants irgendwo in der Welt, in dem nicht nur alle Ober fließend Englisch sprechen sondern auch die Gäste. Oder man denkt sich, warum erzählt er mir und allen anderen das? Was will er uns damit sagen? Wie geschickt er sei, wie toll er das System bescheißen könne, wie er sich doch von all den anderen Reisenden unterscheide?

Warum sind Reiseberichte heute so oft der Beweis der eigenen Genialität? Das günstigste Flugticket, der Sonderpreis für das Hotel, der Kaschmirpullover zum Preis eines T-Shirts und die Taxifahrt, die nicht einmal die Benzinkosten deckt. Reisen scheint heute ein Kampf gegen ein betrügerisches System zu sein. Das eigentliche Vergnügen ist dieses System zu besiegen. Der Reisende präsentiert sich als Held, unbesiegbar und vor allem unbetrügbar!

Geht man davon aus, dass kaum noch jemand (außer mir) den ‚Normalpreis‘ bezahlt und von den Tennissocken bis zum Luxushotel sich jeder einen Rabatt oder ein Upgrading aushandelt, muss man eher davon ausgehen, dass eine völlig theoretische Preisgestaltung existiert, die diesen absurden Wünschen des modernen Konsumenten entgegenkommt.

Der moderne Reisende muss diesen ‚Kampf‘ gewinnen, sonst kann er seine Ausflüge nicht wirklich genießen. Das ‚System‘ hat sich längst darauf eingestellt und schickt den Reisenden mit der Gewissheit nach Hause, was immer er konsumierte, habe er um den ‚halben‘ Preis bekommen.

Um nicht bei allen diesen netten Abenden als einziger voll zahlender Idiot dazusitzen, habe ich eine andere Lösung entdeckt. Wenn immer jemand in der Runde beginnt, seinen letzten Urlaub zu beschreiben, gehe ich auf die Toilette und versäume so seine Heldentaten und mein eigenes Versagen.

Anmerkung des Herausgebers: Die ‚Pictures of America‘ kommen aus Amerika. Da sich unser Autor derzeit auf Reisen befindet, erscheinen die nächsten ‚Berichte aus dem Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten‘ am 7.4. Nächste Woche folgt ein Reisebericht. 

 

2 Comments

  • Habe mal am Nebentisch Leute über die Flughäfen dieser Welt reden hören. Permanentes gegenseitiges Übertrumpfen mit noch größeren, noch abgelegeneren Airports samt Shopping-Gelegenheiten… Sonst nichts… Kein regionales, kulturelles Detail… Irrwitzige Sätze wie „ah, da müssen Sie mal Tennessee anfliegen“ oder „das erinnert mich an die Lounge von Kuala Lumpur“!

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