Feuilleton

Heuchelei der Weinerlichen

(Daniele Giglioli, NZZ) »Die Polemik zwischen den Verfechtern der politischen Korrektheit und den Anhängern der freien Rede ist das Paradebeispiel für eine Pseudodebatte. Wenn wir uns an den eigentlichen Sinn der Worte halten, gibt es dann etwas politisch Korrekteres als die gute, echte Meinungsfreiheit? Die Diskussion könnte hier enden, zur Zufriedenheit aller Parteien.

Denn wer will schon vernünftigerweise leugnen, dass es gut ist, die eigene Meinung äussern zu können? Wer möchte vernünftigerweise leugnen, dass es schlecht ist, Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Religion oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu diskriminieren, wobei diese Diskriminierungen in der Geschichte tatsächlich stets mit verbalen Herabsetzungen einhergingen? Und wem käme es ernsthaft in den Sinn abzustreiten, dass es an vielen Orten dieser Welt nicht möglich ist, sich frei auszudrücken? Und dass an vielen Orten, wo dies möglich ist (im berühmt-berüchtigten Westen), viele Diskriminierungen weiterbestehen?

Beseelt ohne Beweis

Indessen finden wir heute auf der einen Seite unter den stolzesten Bekennern der freien Rede Rassisten, Islamhasser und Chauvinisten, die sich plötzlich von einer Liebe für die Freiheit beseelt sehen, ohne dass sie hierfür jemals den geringsten Beweis erbracht hätten. Und obwohl es weh tut – eine Person, die unter Berufung auf die Meinungsfreiheit den Sexismus oder die Rassentrennung gutheisst, sollte erst einmal reden dürfen.«

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