Feuilleton Österreich

Grün läuft

Grün für einen Eislaufverein

Wegen der kleinlich nach Aufmerksamkeit schielenden Berichterstattung über die Zerwürfnisse der Generationen der Grünen Österreich treten deren wirkliche Verdienste in den Hintergrund.

Vor kurzem durfte ich Maria Vassilakou hören, es ging um das Thema Stadtplanung in Wien, wofür sie unter anderem als Stadträtin verantwortlich ist. Dabei rumpelt es gerade gehörig im Karton, denn etwas soll passieren, das die Wiener generell nicht mögen: eine Veränderung.

Am Ende haben sie aber in diesem Fall womöglich recht, weshalb die Wogen recht hoch gehen, die eine Seite die andere des „Raunzertums“, die andere die eine wieder der „Profitgier“ bezichtigt. Ein Wohnturm soll gebaut werden, wo gerade noch ein anderer steht, das alte und inhaltlich ausgeleierte Intercont mit der schönsten Hotelbar Wiens, die leider nicht zum UNESCO-Welterbe gezählt wird.

Der Turm ist, je nach Standpunkt Meisterleistung des Architekten oder bloß banal, jedenfalls aber der UNESCO zu hoch, um den so genannten Welterbestatus Wiens nicht zu gefährden. Dies hält die Wiener Politik nicht davon ab, sich für das Investorenprojekt stark zu machen.

Vor allem Maria Vassilakou steht zu dem Projekt, wie sie immer wieder sagt. Jetzt aber durften wir hören, worum es Maria Vassilakou wirklich geht. Nicht um eine generelle Lust an der Auseinandersetzung mit der UNESCO, auch nicht um das Verständnis für russische oder griechische Milliardäre, die gefälligst eine gescheite Aussicht aus ihren Appartements auf die Wiener Innenstadt haben wollen, und auch nicht um die Sympathie mit den Bemühungen der Investoren, die ihre Felle davonschwimmen sehen.

Eisläufer als neue Grün-Zielgruppe

Frau Vassilakou geht es, wie man mehrere Minuten in der Ö1-Sendung „Klartext“ hören durfte, um den Eislaufverein am Heumarkt. Dieser sei ein wichtiger integraler Bestandteil der Wiener Lebenskultur- und Qualität und deshalb wert, das um sein Weiterbestehen unter allen Umständen gekämpft werde.

Somit rückten nicht der alte Canaletto und sein Blick und auch nicht die unbeweglichen Bürokraten der UNESCO in den Mittelpunkt der Diskussion, sondern ein Eislaufverein. Selbst schuld, wenn die UNESCO noch keine Liste der schützenswerten Eislaufplätze und –vereine aufgestellt hat. Die Diskussion wäre leichter zu führen, wenn man eine Art Güterabwegung anstellen könnte, Eislaufverein gegen Wiener Innenstadt.

Kurz dachte ich, die Wiener Grünen hätten nach den Radfahrern eine neue Kernzielgruppe ausgemacht, Eislaufplatzbenutzer. Das Eislaufen ist verglichen mit dem Auto eine spritsparende Art der Fortbewegung.

Einmal als solche ausgemacht, könnte den Wienern und ihren Kufen zumindest ein Teil der inneren Bezirke gewidmet werden, neben dem Radweg am Ring eine kleine Eislaufbahn, im Winter günstig zu klimatisieren, im Sommer diesbezüglich problematisch, aber wer weiß – vielleicht findet sich ein Sponsor.

Man kann sich gut vorstellen, wie die Stadträtin zu einer großen Veranstaltung nicht mehr mit dem Fahrrad kommt, sondern mit Schlittschuhen. Die anderen Parteien hecheln ihr dabei nach.

Den Bürgermeister auf Kufen kann sich ohnehin kaum einer vorstellen. Alles hat also doch einen Plan. Erleichtert erkennt man, dass der Turm des Investors quasi eine Nebensächlichkeit in Nachbarschaft zu einem geretteten Eislaufverein darstellt.

Wie konnten die Zweifler des Projekts so blind sein? Wie konnte man übersehen, dass die Welterbe-würdige Qualität einer Stadt eben nicht in ihrer architektonisch geschichtlichen Struktur, sondern in ihrem Unterhaltungsangebot besteht, wie es Maria Vassilakou im Klartext anmerkte, zu dem ein innenstadtnaher Eislaufplatz natürlich so gehört wie Popcorn zum Kino?

So dünn war das Eis schon lange nicht mehr.

 

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