Feuilleton Spuren lesen

Einfach zum Nachdenken

Hamburg und Trump, Volvo und die Zukunft

G-20 in Hamburg

Das jahrzehntelange Hinnehmen tröpfelnder linker Gewalt hat sich gerächt. Viel zu oft sind die bürgerlichen Kräfte im Land zurückgewichen vor emotionalen Narrativen, mit denen die Säulen unseres Lebens (Selbstverantwortung, Freiheitlichkeit und die Koppelung von Leistung und Eigentum) als Quelle echten oder herbeigeredeten Missstands denunziert wurden. Generationen von Jugendlichen sind in solchen politischen Märchenwelten aufgewachsen, Ältere ließen sich willfährig davon ansaugen. In Hamburg haben sich die Tropfen zu einem reißenden Strom vereint, der andernorts leicht wieder aus dem Untergrund austritt.

Trump

Für seine Bewertung in der deutschsprachigen Öffentlichkeit gilt fast ausnahmslos, was Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) einst über Lesende anmerkte: „Ein Buch ist ein Spiegel: Wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel heraus gucken.“ Was nicht bedeutet, dass es nur großartige Bücher gibt!

Sloterdijk

Der philosophische Dampfplauderer wurde vor ein paar Tagen 70 Jahre alt. Dazu René Scheu in der NZZ: „Der Philosoph Peter Sloterdijk ist ein Hüne in jeder Hinsicht. Von ihm kann man sich einiges abschauen.“ Zum Beispiel, wie man es besser macht? Oder besser nicht macht? Sloterdijk ist ein Meister tönender Worte, aber kleinerer Ideen, die der Sphäre des Salonmarxismus angehören. Für einen echten Hünen wären größere Ideen und verhalteneres Formulieren passender.

Simulationen

Volvo, der schwedische Konzern in indischen Händen, hat ein weiteres Beispiel für zeitgemäße Eulenspiegelei geliefert, indem er ankündigte, ab 2019 nur noch Fahrzeuge mit Elektromotoren herzustellen. Der Jubel der regenerativ bewegten Presse, natürlich der Mehrzahl, geht indes fehl; auch wenn es zutrifft, dass Volvo ab 2019 neu konzipierten Wagen immer auch einen Elektromotor spendieren wird (egal wie unbedeutend). Bloß werden Diesel und Benziner das Volvo-Angebot immer noch dominieren. Und alle vor 2019 aufgelegten Autos werden weiterhin auch ohne Elektrounterstützung ausgeliefert. Alles wie gehabt also? Nicht ganz: Simulationen wie diese verändern zwar nicht die Realität, aber ihre Wahrnehmung. Und beide klaffen immer mehr auseinander.

Göring-Eckardt

Der Grünen-Politikerin entfuhr kürzlich: „Beim Klimaschutz geht es um den Planeten, oder die Planetin, grad wie man ihn nennen möchte.“ Ich selber möchte den Erde erst dann die Planetin nennen, wenn zuvor dem Politikerin der Grüninnen eine Schweigegelübdin abgelegt hat.

Zeit

Anders als wir denken, leben wir nicht aus der Vergangenheit in die Zukunft, sondern es verhält sich genau umgekehrt. Fortwährend prägen wir Lebensbilder, die zu Vergangenheit gerinnen, und haben Ziele und Leitbilder, die wir aus dynamischen Zukunftsideen herleiten. Unser Leben ist viel mehr von Zukunft als von Vergangenheit bestimmt – wir sind Wesen des Werdens, erst dann des Vergehens.


 

Der Autor über seine Kolumne: Was immer geschieht, hinterlässt Spuren: länger oder kürzer, halb verweht, gelegentlich absichtsvoll verwischt. Es sind Schründe der Zeit, Furchen im Boden, feine Risse im Holz. Ihnen zu folgen, sie zu lesen und zu deuten, kann manches ins rechte Licht setzen, das lieber im Dunkeln bliebe. Dann erlangt das Spurenlesen handfeste Bedeutung… Doch auch das, was geschehen wird, kann sich in lesbaren Spuren ankündigen. Es sind feine Einträge der Zeit, Leerstellen in sich herausbildenden Konstellationen, offene Verankerungen bereits sichtbarer Spannungsbögen. Hier lohnt das Spurenlesen fast noch mehr!

 

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