USA

Donald, the Disruptor

Photo by Gage Skidmore (edited), CC-BY-SA 2.0

Ein Präsident als „kreativer Zerstörer“

Die Amtszeit von Donald Trump ist gerade einmal zwei Wochen alt und schon hat sich ein Begriff herauskristallisiert, um seinen unorthodoxen Politikstil und seine Präsidentschaft insgesamt zu beschreiben: Disruption.

Der Begriff tauchte bereits im Vorjahr häufger zur Charakterisierung von Trumps Triumph über das alte Parteiestablishment und die Vorwahltraditionen der Republikaner auf. Danach gab es die – zugegeben vage – Möglichkeit, dass ein anderer, konventionellerer und präsidentiellerer Donald Trump zum Vorschein kommt. Doch nun ist es Gewissheit geworden: Trump ist und bleibt nicht nur ein „Disruptor“ und Disruptor-in-Chief, sondern er sieht und inszeniert sich auch bewusst als solcher.

It’s not a Bug, it’s a Feature

Soll heißen: Was auf den ersten Blick an seiner Amtsführung als chaotisch und inkompetent erscheint, ist – zumindest zum Teil – gewollt. Dass der politische Quereinsteiger Trump ein Regierungsteam um sich versammelt hat, das aus lauter anderen Quereinsteigern besteht, die bisher keinerlei Erfahrung in einem politischen Amt gesammelt haben, ist für ihn kein Nachteil, sondern im Gegenteil: ihre große Stärke. Diese Quereinsteiger sollen gezielt die alten Gepflogenheiten, die ungeschriebenen Regeln und Gesetze bürokratisch-administrativer Abläufe, das „Business as usual“ in Politik und Regierungsarbeit stören, wenn nicht sogar: zerstören.

Der Begriff der Disruption kommt ursprünglich aus der Wirtschaft. So wie Trump selbst (wobei die Frage gestellt werden darf, ob es sich bei Trumps Firmenimperium nicht eigentlich um eine gigantisch große Ich-AG handelt). Trumps Gegner machen einen Fehler, wenn sie in ihm einen klassischen „Strongman“, eine autoritäre Führerfigur der alten Schule sehen. Er kommt eben nicht, wie es für das 19. und 20. Jahrhundert so typisch war, aus der Politik oder dem Militär. Wirtschaft, Medien und Unterhaltungsindustrie – das ist der kulturelle Kontext, der Trump geprägt und hervorgebracht hat.

Es ist auch ein genuin amerikanischer Kontext, denn während etwa in Europa in Wirtschaft und Management die Idee der postheroischen Führung vorherrscht, wird in den USA der CEO immer noch gerne als eine Art Popstar verehrt – und auch als Cäsarenfigur, die ein Unternehmen oder eine ganze Branche wie ein klassischer Feldherr durch schwierige Marktbedingungen und Zeiten führt.

Zum Handwerk eines CEOs eines großen amerikanischen Unternehmens gehören ganz selbstverständlich: die mediale Inszenierung, das öffentlich zelebrierte Powerplay, die „kreative Zerstörung“, sprich: das Annehmen von Konflikten und Krisen als willkommene Anlässe für Brüche, Weichenstellungen und zur Profilierung (des eigenen Unternehmens und der ganz eigenen „Marke“ als CEO).

Der amerikanische Kult um den CEO ist nicht zuletzt auch ein Kult der Entscheidung – und es ist in diesem Zusammenhang wohl auch kein Zufall, dass sich George W. Bush, am Beginn seiner Amtszeit gerne als „First MBA President“ bezeichnet, in einer berühmt-berüchtigt gewordenen Pressekonferenz selbst „the Decider“ nannte.

Hier, bei diesem Kult der einsam an der Spitze getroffenen Entscheidung, könnte man tatsächlich Anknüpfungspunkte zu einem klassisch autoritären Politikverständnis, namentlich zum „Dezisionismus“ von Carl Schmitt finden.

„Trump, the Uber of politics“

Auch wenn Trump Vielen wie aus der Zeit gefallen und als personifizierter gesellschaftlicher Rückschritt erscheint, so muss eine genauere Analyse doch zu dem Schluss kommen, dass er im Gegenteil auf seine ungehobelte und – pardon the pun – trampelhafte Art den Zeitgeist sehr gut verkörpert.

Zu den gesellschaftlichen Tiefenströmungen, denen Trump – wohl weniger bewusst und mehr aus dem Bauch heraus – Ausdruck verleiht, gehören wie der britische Historiker und politische Kommentator Niall Ferguson vergangene Woche in seiner Kolumne für „Sunday Times“ und „Boston Globe“ schön darlegt, auch das Disruptive und Virale. Beginnend bei Trumps allen Konventionen und Normen Hohn sprechendem Vorwahlkampf, bei dem er ein Dutzend profilierter Berufspolitiker aus dem Weg räumte:

„Trump became the president essentially by doing to the Republican Party what Uber did to the taxi companies: he disintermediated it. In essence, he exploited his appeal as a television “ratings machine” to communicate his message to the electorate.“

Diesen, nach außen hin völlig planlos wirkenden Wahlkampfstil, setzte er dann auch in der Auseinandersetzung mit Hillary Clinton fort:

„This was not a top-down command-and-control operation like the Clinton campaign. It was self-organizing, spontaneous, horizontal. Trump didn’t campaign in the traditional sense. He went viral.“

Trump, der Disruptor, hat den Wählermarkt und seine traditionellen Marktmechanismen einfach ignoriert und auf seine Art grundlegend transformiert. So wie es Apple vom PC bis zum Mobiltelefon, Amazon im Bereich des klassischen Buchhandels oder eben zuletzt Uber mit dem Taxigewerbe gemacht haben.

Die Frage ist jetzt nicht nur: Kann der Firmenlenker auch Staatenlenker? Sondern: Lässt sich auf diese disruptive Trump’sche Art überhaupt ein Staat und noch dazu der bedeutendste Staat der Welt führen? Und: Wie resistent ist der amerikanische Staat und seine starken, institutionalisierten „Checks and balances“ gegenüber so einer groß angelegten Disruption?

 

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