Österreich

Antisemitismus in der FPÖ

Photo: sugarmeloncom, CC BY 2.0

Ein Gespräch mit Jörg Haider in Kanada

Im Februar 2000 bat mich Jörg Haider, ihn auf einer Reise nach Kanada zu begleiten. Wir waren zu dritt, Jörg Haider, sein Assistent und ich. Die Gesprächstermine in Toronto waren eher nebensächlich, Haider hatte andere Gründe für diese Reise. Es ging um die internationale Isolation der Partei, die ein normales Arbeiten in einer Koalitionsregierung unmöglich machen würde und wie man sie beenden könnte. Da er (wie er meinte) in Österreich nicht einmal in Ruhe reden könne, schlug er diese ‚Flucht’ nach Kanada vor.

Wir versuchten zu Beginn die Entwicklung der derzeitigen Situation historisch aufzuarbeiten, sprachen von seinen diversen Aussagen über Zeit des Nationalsozialismus und die antisemitischen Ausfälle anderer Vertreter der Partei. Ich versuchte ihm zu erklären, dass es nicht einfache Fehler seien, wie er über die Nazizeit gesprochen hatte, die man mit einer Entschuldigung korrigieren könne. Wer hier keine klare, eindeutige Position einnehme, würde zumindest auf der internationalen Bühne als Politiker keine Chance haben.

Du kannst leicht reden, sagte er.

Wie meinst du das, fragte ich ihn.

Dir würde so etwas nie passieren, du bist ganz anders aufgewachsen als ich, sagte er.

Ich verstehe nicht, was du meinst, antwortete ich ihm.

Deine Eltern waren Opfer des Nationalsozialismus, meine Eltern begeisterte Nazis. Ich musste mir mühsam erarbeiten, was dir selbstverständlich war, sagte er.

So habe ich das noch nie gesehen, antwortete ich ihm.

Mit 16 las ich das erste Buch über den Holocaust. In der Schule wurde er auch im Unterricht nicht erwähnt. Alles, was ich später gelesen habe, war das Gegenteil von dem, was meine Eltern erzählten, sagte er.

Weil also meine Eltern Opfer waren, mach ich nicht die gleichen Fehler wie du? Fragte ich ihn.

So ungefähr, sagte er und lachte.

Da hab ich ja noch einmal Glück gehabt, antwortete ich ihm.

Manchmal ist es so, als ob es mir einfach aus dem Mund fällt, und sie irgendwo in meinem Hirn noch vergraben ist, diese Sprache meiner Eltern. Wenn ich es nicht kontrolliere, macht es sich selbstständig, vor allem wenn ich mich aufrege und die Beherrschung verliere, sagte er.

Das nehm ich dir nicht ab, sagte ich. Dazu bist du zu intelligent. Jeder Satz, den du sonst sagst, ist wohl überlegt, du bist konzentriert und treffsicher, überlässt nichts dem Zufall. Deine Rhetorik ist deine Stärke, und jetzt willst du mir erklären, du könntest die Verharmlosungen der Nazizeit nicht kontrollieren, weil es die Sprache deiner Eltern sei?

Ich kanns nicht erklären, es ist einfach so. Ich verliere die Kontrolle darüber, sagte er.

Es ist auch nicht zu erklären, vor allem, weil du dann auch Schwierigkeiten hast, dich zu entschuldigen, sagte ich.

Ja, das kommt noch dazu, sagte er. Es ist wie eine Mauer, über die ich nicht drüber komme. Ich brings nicht fertig, mich einfach zu entschuldigen.

Ist dir nicht klar, dass du mit diesen Sprüchen einen Fehler gemacht hast?  Fragte ich ihn.

Ja und nein, es stimmt ja historisch, zum Beispiel das mit der Beschäftigungspolitik, sagte er.

Siehst du, genau deshalb wirst du scheitern, du begreifst es nicht, antwortete ich ihm. Es geht nicht um historische Tatsache, es geht um ein Tabu, das du verletzt. Du überschreitest eine moralische Grenze, wo es kein Zurück gibt, außer du entschuldigst dich und versicherst glaubwürdig, dass es nicht deiner Denkweise entspricht und ein Fehler war, den du nicht wiederholen wirst.

Ich bin ja zurückgetreten!  Fuhr er mich an.

Weil man dich dazu gezwungen hat, antwortete ich ihm.

Was solls, es ist vorbei. Was sollen wir jetzt tun, damit das endlich aufhört. Die machen mich weltweit zu einem Teufel!  Sagte er.

Nicht die machen dich zum Teufel, du präsentierst dich als Teufel! Es ist gar nicht so kompliziert. Schau dir an, was andere tun, die in deiner Situation sind, sagte ich ihm.

Wer? Wen meinst du?  Fragte er.

Fini in Italien zum Beispiel. Zuerst einmal hat er das Verhältnis zur Jüdischen Gemeinde in Rom normalisiert, in dem er die Verbrechen der Faschisten thematisierte und sich dafür entschuldigte. Er war immerhin Chef der Neo-Faschisten und hatte ähnliche Probleme wie du. Niemand sprach mit ihm, er wurde international total boykottiert, sagte ich.

Ich weiß nicht, scheint mir keine gute Methode…ich könnte doch einfach dich nach Israel schicken, du wirst das schon erledigen, sagte er.

Sicher, ich kann jeden Monat nach Israel fahren, einige werden mit mir reden, andere nicht, aber es wird nichts an deiner Situation ändern, das musst du schon selbst machen, entgegnete ich ihm.

Aber wenn sie mit dir reden, warum reden sie nicht mit mir?  Fragte er.

Meinst du das ernst?  Fragte ich ihn.

Nein, ich versteh schon, ihr haltet halt zusammen, sagte er.

Entschuldige, aber du verstehst wirklich nichts, WIR halten nicht zusammen, aber ich habe nicht die Beschäftigungspolitik der Nazi gelobt, sagte ich.

Also gut, was soll ich tun?  Er wurde ungeduldig.

Gib eine Studie in Auftrag über die NS-Vergangenheit der FPÖ, deren Mitglieder, und wer durch Arisierungen profitierte, inklusive deinem Fall; roll die ganze Geschichte der Partei auf und dokumentiere sie. Die Studie präsentierst du dann in einer Pressekonferenz, entschuldigst dich für alles und ersuchst den Präsidenten der Jüdischen Gemeinde öffentlich, einen Dialog mit der FPÖ aufzunehmen, weil es ab jetzt eben eine andere Partei sei, erklärte ich ihm.

Ich weiß nicht, ob ich das kann, sagte er.

Warum nicht? Du hast schon schlimmere Verdrehungen in deinem Leben hinter dir! Sagte ich.

Ja, er lachte. Aber nicht so eine!

Wenn es Fini kann, warum solltest du es nicht können?  Fragte ich ihn.

Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Das sieht aus wie ein Kniefall, sagte er.

Ist es auch. In dieser Situation bist du der Schwächere, damit musst du versuchen zu leben. Du verlierst das Match, wenn du nicht die Regeln respektierst, auch Willy Brandt war zu einem Kniefall bereit, sagte ich.

Schlechtes Beispiel. Außerdem werden in so einer Studie meine Freunde fertiggemacht, die werden einfach angepatzt und auch deren Familien, die haben so viel für mich getan. Wie stehe ich vor denen da?  Sagte er.

Hier geht es nicht um die Ehre der Kameraden und um Verrat. Entweder du willst eine andere Situation, die Vergangenheit hinter dir lassen und neu beginnen, dann ist es einfach notwendig, oder eben nicht, und es geht alles so weiter, aber dann beklag dich nicht, sagte ich.

Ich werde es mir überlegen, sagte er.

Das kenn ich, dann wird es nie passieren, sagte ich.

Und wenn schon, dann hassen sie mich halt, ich hol mir die Berechtigung für die Regierung von den Wählern, dann können sie nicht mehr zurück!  Sagte er.

So wirst du nie Kanzler werden, und ich weiß, dass das dein einziger Traum ist, wenn du nicht symbolisch zu diesem Kniefall bereit bist, wenigstens einmal!  Sagte ich.

Ich glaube, ich kann das einfach nicht, das widerspricht einfach meinen Vorstellungen von Gerechtigkeit, sagt er, und wir schwiegen eine Weile.

Gerechtigkeit? Ist dir nicht bewusst, dass du einen Fehler gemacht hast? Siehst du es nicht als eine Verletzung aller, die damals Fürchterliches durchgemacht haben und viele ihrer Freunde und Verwandten verloren hatten?  Fragte ich ihn.

Sicher verstehe ich das, aber ich werde niemandem den Gefallen tun, dass sie sich in dieser Sache als Sieger fühlen!  Sagte er.

Schade, so intelligent du bist, so dumm bist du in manchen Situationen. Lass sie doch einmal gewinnen, verlier einfach und komm danach als der eigentliche Sieger zurück, sagte ich.

Das kannst wirklich nur du zu mir sagen, antwortete er.

Und? Was hilft es?  Fragte ich ihn.

Im November 2003 besuchte Gianfranco Fini, Parteichef der ehemaligen Neo-Faschisten, Israel und wurde von Premierminister Ariel Sharon und Präsident Moshe Katsav empfangen, nachdem er sich für die Verbrechen der Faschisten gegenüber den Juden in Italien entschuldigt hatte und die Beziehungen zur Jüdischen Gemeinde in Rom normalisierte. Damit beendete das offizielle Israel den Boykott gegen Fini und seine Partei. Nach dem Besuch in Israel wurde Fini auch in Frankreich, Großbritannien und den USA offiziell eingeladen.

Die FPÖ wird bis heute international boykottiert. Ihre Vertreter werden von den meisten Politikern nicht empfangen und die Partei schafft es nicht – trotz Wahlerfolgen und verzweifelter Versuche, ihren schlechten Ruf zu korrigieren – das Image der rechtsextremen, antisemitischen Partei loszuwerden.

 

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