Feuilleton

Das gute Leben

Die Kunst des guten Lebens

(Rolf Dobelli, NZZ) »Angenommen, Sie wohnen in der Schweiz und es ist Winter. Schmutziger Schnee liegt auf den Strassen. Sie sind gerade damit beschäftigt, die Windschutzscheibe Ihres Wagens freizukratzen. Der Wind bläst die weggeschabten Eispartikel in Ihr Gesicht, Matsch füllt Ihre Schuhe. Ihre Fingerspitzen fühlen sich an, als wären sie voller Nadeln. Mit einem Ruck gelingt es Ihnen, die gefrorene Tür Ihres Wagens zu öffnen. Sie setzen sich auf den Ledersitz, der sich wie ein Eisblock anfühlt, und legen Ihre Hände aufs tiefgefrorene Lenkrad. Weiss steht der gefrorene Atem vor Ihrem Mund.

Frage: Wie viel glücklicher wären Sie, wenn Sie in Miami Beach wohnten – mit Sonne, 26 Grad, sanftem Meereswind? Geben Sie einen Wert zwischen 0 (um keinen Deut glücklicher) und 10 (unendlich viel glücklicher) an. Die meisten Menschen, denen ich diese Frage stelle, nennen einen Wert zwischen 4 und 6.

Sie haben nun ausparkiert und machen sich auf den Weg zur Arbeit. Kurz darauf: Stau auf der Autobahn. Mit einer halben Stunde Verspätung erreichen Sie Ihren Arbeitsplatz. Dann die E-Mail-Flut und der übliche Ärger mit Ihrem Vorgesetzten. Nach der Arbeit erledigen Sie Ihren Wocheneinkauf. Zurück zu Hause, kochen Sie Ihr Lieblingsgericht (es schmeckt herrlich), machen es sich auf dem Sofa bequem, schauen einen spannenden Film und legen sich schlafen.

Dito in Florida: Sie fahren los, Stau auf der Autobahn, dann die E-Mails und der übliche Ärger mit Ihrem Vorgesetzten, Wocheneinkauf, leckeres Essen, spannender Film. Jetzt nochmals die Frage: Wie viel glücklicher wären Sie, wenn Sie in Miami Beach wohnten? Die meisten Menschen geben nun einen Wert zwischen 0 und 2 an.«

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