Feuilleton

Das Gelobte Land

Photo:  © Lucky Comics

Aus der Beobachtungsstelle Wilder Westen

Darf man sich über Juden lustig machen? Man kann diese Frage auf zwei Arten beantworten. Im Stil von Radio Eriwan: „Im Prinzip nein, es sei denn, es ist lustig.“ Oder ganz ernsthaft: Natürlich nicht. Man macht sich nicht über jemanden lustig. Aber man kann mit ihm über seine Schrullen und Eigenheiten lachen. Dann lacht man nicht über jemanden sondern mit jemandem. Der jüdische Witz ist dafür das beste Beispiel.

In der Welt der Comics wird über Schrullen und Eigenheiten manchmal geschmunzelt und oft schallend gelacht. Ob über die Römer, Schweizer oder Briten, ob über Mexikaner, Banditen oder Rinderzüchter. Der Humor in Asterix und Lucky Luke lebt davon, dass er Klischees bedient ohne verletzend zu sein.

Der Mann, der schneller schießt als sein Schatten, erblickte im selben Jahr die Welt, in dem die UNO die Teilung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Staat beschloss. Im Magazin ‚L’Almanach de Spirou 1947 ‘erschien das erste Abenteuer von Lucky Luke. Siebzig Jahre später macht ein populäres Comic-Album zum ersten Mal die Schrullen und Eigenheiten des jüdischen Volkes zum bestimmenden Thema. Das aktuelle Lucky Luke Album „Das Gelobte Land“ handelt von osteuropäischen Juden, die in der zweiten Hälfte der 1860er Jahre nach Amerika einwandern. Eine Gratwanderung, und, so viel darf man vorweg nehmen, eine geglückte.

Es ist die 117. Geschichte des vom belgischen Zeichner Morris erschaffenen Helden. In Deutschland ist Lucky Lucke mit mehr als 30 Millionen verkauften Alben nach Asterix die erfolgreichste Comic-Serie im Alben-Sektor. Wie in Asterix bestechen die detailreichen Zeichnungen und die humorvollen Texte, die mit historischen Anspielungen gespickt sind. Für viele Liebhaber der Figur, wie auch für den Verfasser dieser Zeilen, stammen die besten Geschichten aus der Zeit von 1955 bis 1977 vom Duo Morris / Goscinny. Nach dem Tod des genialen Szenaristen René Goscinny, der zusammen mit Uderzo auch die großartigsten Asterix-Abenteuer zu Papier gebracht hatte, wechselten die Autoren. 2002, ein Jahr nach seinem Tod, erschien dann auch der letzte von Morris gezeichnete Lucky-Luke-Band. Sieht man von einigen Hommage-Bänden ab, die aus Anlass von Lucky Lukes siebzigsten Geburtstag herausgegeben wurden, zeichnet seither der französische Comic-Zeichner Achdé (eigentlich Hervé Darmenton, der Künstlername leitet sich von der französischen Aussprache seiner Initialen ab) die neuen Abenteuer:

„Dieses Erbe fortzusetzen, ist eine enorme Freude, aber auch eine große Bürde”, sagt Achdé. Einerseits verdiene er jetzt mit dem, was seit Kindertagen sein Traum gewesen sei, den Lebensunterhalt für sich und seine Familie. Andererseits sei es ungeheuer schwierig, immer die richtige Stimmung zu finden. Es sei ein Balanceakt, dem Vorbild treu zu bleiben und dennoch dem Ganzen eine neue, frische Anmutung zu geben, zum Beispiel durch dezent eingesetzte ungewöhnliche Perspektiven. Aber das fällt den meisten Lesern kaum auf, und so will es Achdé auch: „Die größte Freude machen mir Menschen, die sagen: Man sieht ja gar keinen Unterschied zu Morris.”

Photo: © Lucky Comics

Mit dem neuen Abenteuer des Helden debutiert der Autor Jul. Und wie es sich für einen Comic-Klassiker gehört, wird das neue Duo Achdé/Jul entweder gefeiert oder verdammt – wobei die freundlichen Stimmen überwiegen – und findet Einzug in die Literaturkritik.

Die Handlung selbst ist schnell erzählt. Lucky Luke wird von seinem Freund Jack Loser (der Name ist Programm) gebeten, dessen Verwandte, eine jüdische Familie aus Osteuropa, von St. Louis sicher nach Montana zu geleiten, wo der kleine Jankel seine Bar Mizwa feiern soll. Jack, der eigentlich Jakob Stern heißt, will seine Familie nicht selbst abholen, er schämt sich, weil er sie in dem Glauben gelassen hat, er sei ein erfolgreicher Anwalt in New York. Mit einer Unmenge Büchern macht sich die Reisegruppe auf den Weg nach Chelm City, unterwegs lauern Ganoven, die noch dümmer sind als die Daltons, und Indianer, die sich als verlorener Stamm Israels entpuppen. Man verrät kein Geheimnis, wenn man vorwegnimmt, dass am Ende alle Hindernisse überwunden werden.

Wie immer bei Lucky Luke (und noch mehr bei Asterix) wird kein Klischee ausgelassen. Die Qualität besteht nicht in der Dekonstruktion von Klischees sondern in ihrer liebevollen Überzeichnung. Die Mischpoche des weißbärtigen Familienoberhaupts Moishe Stern, der sich als „schnellster Schnejder estlich der Weichsel“ vorstellt, spricht jiddisch, die Mame füttert den Helden, bis ihm die neuen Hosen nicht mehr passen und preist ihm gleich Enkelin Hanna als künftige Gattin an. Sie ist so fürsorglich, dass sie Luke bis in dessen (Alb-)Träume verfolgt. Seltsame Essgewohnheiten und Ruhezeiten zur Unzeit nerven unseren Helden, der sich dafür sogar von seinem treuen Pferd Jolly Jumper verspotten lassen muss, das schwer beladen mit Kisten voller Bücher durch die Story trabt. Aber im Laufe der Zeit wächst Lucky Luke die fröhliche Familie sichtbar ans Herz, die sich durch ihre unbedarfte Unverdrossenheit immer wieder in Schwierigkeiten bringt, aus denen sie sich jedes Mal mit Witz und G’ttvertrauen befreit. Und wenn das einmal nicht reicht, ist der Mann, der schneller schießt als sein Schatten, verlässlich zur Stelle.

In bester Lucky Luke Tradition werden die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgehoben. Als die Einwanderer in St. Louis ankommen, rätseln sie über den Namen des Cowboys, der sie abholen soll, weil Moishe seinen Namen vergessen hat. „Bill Gates?“, „Harry Potter?“, fragt sich Hanna. Später antwortet Moishe selbstbewusst auf die Frage seines Enkels, „Hast Du schon mal kampiert, Pape?“: „Ich persenlich nicht, aber Loite aus mejner Mischpoche habn es schon getan …“ Was die resolute Mame prompt ins rechte Licht rückt: „Moische, das war in Egypten und ist schon 3500 Jahre her!“

Doch das kulturelle Erbe hilft bei der Bewältigung der Gegenwart. Ihre Verbeugungen beim Gebet verhindern, dass Großvater und Enkel von den Kugeln der Gangster getroffen werden, der kleine Jankel erledigt seine Verfolger mit der Schleuder und besänftigt mit seiner Geige, dem mythischen Sänger Orpheus gleich, die Tiere des Waldes, bis diese nur mehr schluchzend seinem Spiel lauschen. Bildung lohnt sich eben. Auch wenn man ständig mit den Amischen verwechselt wird, was sich als Running Gag durchs ganze Album zieht.

Die vielen Anspielungen auf die jüdische Kultur sollen an dieser Stelle ebenso wenig vorweg genommen werden wie die Reminiszenzen an die Rolle der Einwanderer nach Amerika, insbesondere der jüdischen. Das Album würdigt nicht nur den Erfinder der Jeans, Charles Moses ‚Levi‘ Strauss, sondern mag darüber hinaus für etliche Leser ein willkommener Anlass sein, sich mit der Geschichte der Juden in den Vereinigten Staaten zu beschäftigen. Diese haben nicht nur den Westen geprägt sondern auch unseren Helden. Am Ende reitet der einsame Cowboy wie immer in den Sonnenuntergang, sein Weg führt ihn an einem siebenarmigen Kaktus entlang. Und Jolly Jumper stimmt mit in das Lied des Cowboys ein.

 „I’m a poor lonesome cowboy, far away from home.”
„Ojojojoj!”

Zuerst erschienen auf MENA-WATCH

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