Fannys Salon Feuilleton

Damals und heute

Photo: Michael Kranewitter, Wikimedia Commons, CC-by-sa 4.0 

Erinnerungen an eine Kindheit in Döbling

Ich bin ein Kind der 1970er Jahre. Das heißt, ich durfte in einer Ära aufwachsen, in der Mann, Frau und Kind noch Zeit haben durften. Ich nenne es die Prä-Yuppie Ära, als es noch nicht zum guten Ton gehörte, im Stress zu sein.

Die meisten Menschen, die ich treffe, beklagen sich über ihren „Stresspegel“, sie sind „ausgepowert“, müssen mal „abschalten“, fahren zur „Wellness“. Lauter Wörter, die relativ neu geschaffen, Synonyme für unsere Gesellschaft sind. Dabei haben, so meine ich, die Menschen früher auch allerhand geleistet und geschaffen.

Aber zurück zu klein Fanny:

Ich wurde nicht in die Schule geführt und auch nicht abgeholt, ich bin in Döbling aufgewachsen, dort zur Schule gegangen, habe dort die Parks unsicher gemacht, war im Krapfenwaldlbad schwimmen. All diese Wege bin ich zu Fuß gegangen, später mit dem Bus gefahren, wo ich mit Freunden und Freundinnen geplaudert habe und die Buslenker gekannt und gegrüßt habe.

Nachmittags bin ich schon als Volksschulmädchen in die Klavierstunde geschlendert. Begabt war ich nie, ein Instrument zu lernen aber durchaus im Kanon des Bildungsbürgertums, und so habe ich halt meine Etüden studiert. Meine Klavierlehrerin habe ich geliebt, ich pflege noch heute Kontakt zu ihr, obwohl sie in der Pension in die niederösterreichische Heimat rückgesiedelt ist.

Auf diesen alltäglichen Wegen, das Wetter hat mir als Kind ja gar nichts anhaben können, wir Kinder der Siebziger sind nicht aus Zucker, Regenstieferl hatte damals jede und jeder, habe ich es geliebt, schöne alte Häuser anzuschauen und mir zu überlegen, wie es wohl wäre, darin zu wohnen, sie sorgsam umzugestalten, und sie mit all ihrer Geschichte zu meinem Zuhause zu machen. Ich würde dort ein Atelier haben, wo ich zeichnen könnte, wann immer ich will, denn Zeichnen war die Lieblingsbeschäftigung meiner Kindheitstage.

Immer wieder haben mich alte Damen, die in diesen Prachtvillen wohnten, angesprochen und hereingebeten. Dann habe ich zuhause Mama gefragt, ob ich da reingehen darf, sie hat es eigentlich immer erlaubt, und so habe ich Nachmittage in alten Villen verbracht und Fotoalben aus längst vergangenen Tagen angeschaut, Lebensgeschichten gehört und jede Menge kleine Geschenke bekommen, die ich allesamt noch heute habe: Selbstgehäkelte Topflappen zum Beispiel oder einen Stein aus dem österreichischen Gebirge, leider habe ich vergessen, von wo, den eine alte Dame auf den Touren, die sie mit ihrem Mann gegangen war, gefunden und mitgenommen hatte. Immer, wenn sie von ihrem verstorbenen Mann gesprochen hat, hatte sie Tränen in den Augen. Ich war so inspiriert von diesen Geschichten der älteren Menschen in ihren schönen alten Häusern, von ihren Fotos, von den Werten, die sie mir vermittelt haben.

Dieser Tage war ich mal wieder mit dem Auto durch Döbling unterwegs, wo Mehrfamilien Wohnhäuser zu abstrusen Quadratmeterpreisen aus dem Boden sprießen und eine neue Bewohnerschicht anziehen, die so gar nicht in meine Kindheitserinnerungen passt.

An einer Straßenecke, die von klein Fanny regelmäßig gequert wurde, tat sich mir plötzlich ein riesiges Loch auf: Wieder war eine Villa einem Bauvorhaben, das bestimmt lukrativ für seine Bauherrschaft werden sollte, zum Opfer gefallen. All die perfekt erhaltenen Kastenfenster, die schönen Erker, der Stuck auf den Decken, die Hohlkellen, die dezenten Fischgrätböden, die Räume, die tausend Geschichten gehört hatten, mussten binnen eines oder zweier Tage einem Komplex Platz machen, der bestimmt – demnächst wird es zu lesen sein – „exklusiv in eleganter Grünruhelage, bester Umgebung in Topausstattung mit Marmorbädern und Luxusküchen“  errichtet werden wird.

Ich hatte dieses Haus so gern, auch den wunderschönen Schmiedeeisenzaun, den man erhalten hat, vielleicht um dem zukünftigen Klientel zu zeigen, dass sie hier Wohnungen auf historischem Grund erstehen werden.

Ich bin traurig, ich mag diese Neubauten gar nicht. Vielleicht bin ich gestrig, damit kann und muss ich leben.

Aber eines ist sicher: Diese Umgebung meiner Kindheit, die Ästhetik vergangener Tage, weicht nicht einem sozialen Umschwung, wo einfach mehr Menschen Flächen bewohnen dürfen, die früher einer elitären großbürgerlichen Gesellschaft vorbehalten waren.

Nein, dieser Trend war schon in den 1970ern, als ehemalige Gärtnereien, die in preisgünstigere Gegenden übersiedelt waren, Platz für Gemeindebauten in ruhiger Grünlage schafften.

Heute – und das schreibe ich in all meiner enttäuschten Bosheit –  weichen diese architektonischen Kulturgüter einer Bewohnerschaft, die großen Wert auf die Eleganz der Gegend legt, unbedingt ein 1190 vor der Adresse stehen haben muss, einen begehbaren Schrankraum und eine Garage will, aber in keiner Weise erkennt, dass die Menschen, die der Gegend ihre Qualität und ihre Wohnlichkeit gegeben hat, nichts, aber wirklich gar nichts mit ihnen gemein hatten.

Meine Erinnerungen an die vielen gefallenen Häuser und ihre verstorbenen Bewohner bleiben aber unauslöschlich. Dafür nehme ich mir Zeit.

 

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