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Dänemark und die Juden

Photo: Nationalmuseet – National Museum of Denmark from Denmark, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0

 Zur Ent-Mystifizierung einer Rettungsaktion

Über das Verhalten der dänischen Bevölkerung während der Besatzung durch die Deutschen existieren die verschiedensten Geschichten und Gerüchte, die eine gewisse Symbolkraft gegenüber der Kooperation mit den Nationalsozialisten in anderen Ländern haben. Viele haben allerdings den historischen Wert von Grimms-Märchen und lösen sich völlig von den dokumentierten Ereignissen. Eine der immer wieder erzählten und zitierten Geschichten ist die angebliche Bereitschaft des Dänischen Königs und eines Großteils der Bevölkerung, den berüchtigten gelben Juden-Stern zu tragen, so dass die Juden nicht erkannt werden könnten. Der einzige Fehler dabei: Juden in Dänemark mussten nie den gelben Stern tragen und weder der König noch sonst wer hat sich jemals damit öffentlich gezeigt.

In den Tagebüchern des damaligen Premierministers fand man jedoch nach dem Krieg eine Eintragung aus dem Jahr 1942. In einer Unterredung mit dem König diskutierten beide, wie die dänische Regierung auf einen Erlass der Deutschen Besatzungsmacht reagieren sollte, der die Einführung des Juden-Sterns verlange. Darauf antwortete der König: „Dann müssen wir alle den gelben Stern tragen.“ Aus dieser Antwort entwickelte sich der Mythos.

Im April 1940 besetzten deutsche Truppen Dänemark, das keinen Widerstand leistete. Man vereinbarte eine ‚kooperierende Besatzung’, Deutschland sah sich eher als Schutzmacht und respektierte sogar die Neutralität des Landes. Dänen wurden nicht gezwungen, sich als Soldaten zur Deutschen Wehrmacht zu melden, die Dänischen Nationalsozialisten erreichten bei Wahlen nur wenige Prozente und bis August 1943 regierte eine rein dänische Regierung, in der kein Deutscher vertreten war.

Die Rettung der Dänischen Juden

Im August 1943 änderte Berlin seine Strategie gegenüber Dänemark und Hitler befahl persönlich, auch die dänischen Juden zu sammeln und zu deportieren. Es kam nun zu dem wohl einmaligen Fall in der Geschichte des Deutschen Reiches, dass die lokale Vertretung der Nationalsozialisten, diesen Befehl nicht nur weitgehend ignorierte, sondern die dänische Verwaltung vor den Aktionen der Deutschen Soldaten gegen die jüdische Bevölkerung warnten. Mit dem Wissen von Werner Best, einem hochrangigem SS-Offizier und Stellvertreter Hitlers in Dänemark, informierten Mitarbeiter des Deutschen Konsulats die dänischen Behörden zwei Tage vor der geplanten Verhaftung der Juden. Die große Mehrheit der etwa 8000 Juden konnte sich bei Nachbarn verstecken oder flüchtete in die Dörfer in der Umgebung der Hauptstadt.

Salle Fischermann, ein dänisch-jüdischer Überlebender berichtete nach dem Krieg: Spontan ergriffen viele Dänen die Initiative – alle halfen mit, wo sie nur konnten. Geheime Unterkünfte wurden organisiert, Juden wurden in Krankenwagen und sogar Müllwagen aus der Stadt geschmuggelt und viele von ihnen in Kirchen versteckt.
Zwei Wochen später wurden die meisten mit Schiffen nach Schweden gebracht. Die ganze Flucht war weder besonders geheim vorbereitet noch perfekt organisiert. Dennoch griffen die Deutschen nicht ein und verhinderten sie auch nicht.

Einzig die Mitglieder der Gestapo hielten sich eisern an ihre Befehle und es gelang ihnen 470 Juden zu verhaften, die nach Theresienstadt deportiert wurden. Werner Best telegrafierte daraufhin nach Berlin, dass die ganze Aktion ‚erfolgreich’ zu Ende geführt wurde und Dänemark damit jetzt ‚entjudet’ sei. Auf die Tatsache, dass fast alle durch Flucht überlebt hatten, ging er nicht ein. Die Gestapo verhaftete 57 Fluchthelfer und übergab sie der lokalen Polizei. Dänische Gerichte verurteilten die meisten von ihnen zu zwei bis drei Monaten Gefängnis, während in anderen durch Deutsche besetzten Gebieten dies den sicheren Tod bedeutete.

In Berlin reagierte die NS-Führung verärgert und schickte den Fachmann für die Endlösung, Adolf Eichmann, nach Dänemark. Ein sonderbares Gespräch muss an diesem 4. November 1943 zwischen Eichmann und Best stattgefunden haben.

Drei Vereinbarungen unterzeichneten beide: Erstens durften die dänischen Juden nicht aus Theresienstadt weitertransportiert werden, was für alle den sicheren Tod bedeutet hätte. Zweitens konnte das Dänische Rote Kreuz die dänischen Juden besuchen, und drittens war es den dänischen Juden gestattet, Essenspakete zu empfangen.

Vorbild für eine gerechte Gesellschaft

Im April 1945 kam es zur berühmten Aktion ‚Weiße Busse’. Nach einer Intervention dänischer Diplomaten mit der Unterstützung des schwedischen Prinzen Carl gestattete Himmler persönlich die Rettung von 425 Juden, die mit weißen Bussen aus Theresienstadt nach Dänemark gebracht. In Kopenhagen gab es einen derartigen Auflauf begeisterter Menschen, dass die Busse durch Nebenstraßen in die Stadt fahren mussten.

Nach der Flucht der Juden beschlagnahmte die dänische Polizei deren Eigentum. Sie brachen die versperrten Wohnungen und Häuser auf, sicherten die Wertgegenstände und versiegelte sie. Nach dem Krieg wurde alles den Überlebenden zurückgegen, ebenso die Eigentumsrechte der Unternehmen und Geschäfte. Es gab keine Arisierungen und keine Prozesse nach dem Krieg, bei denen wie in anderen Ländern die Überlebenden verzweifelt versuchten, ihr Eigentum zurück zu bekommen.

Das Verhalten der dänischen Bevölkerung gilt bis heute als Vorbild für eine zutiefst verwurzelte demokratische und gerechte Gesellschaft. Kein anderes Land, das durch die Nationalsozialisten besetzt wurde, hat derartiges geleistet. Widersprüchlich und ungeklärt ist bis heute das Verhalten der Deutschen Besatzungsmacht. Auch wenn es absurd klingt – die dänische Bevölkerung hat sicherlich mit einer einmaligen Aktion die jüdische Bevölkerung vor dem sicheren Tod in den Konzentrationslagern gerettet. Ermöglicht wurde es jedoch durch die Warnungen der Beamten der Deutschen Konsularabteilung und das Verhalten der Offiziere und Soldaten der Wehrmacht, die einfach nicht eingriffen.

 

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