Funksprüche Mitten im Leben

Biedermeier 3.0

Culture Clash

Männer verstehen einander bekanntlich ohne Worte. Wenn ich, wie jetzt gerade, meinem Freund Ali am Kebab-Stand einen Besuch abstatte, dann reichen ein paar Grunzlaute. Maximal. Schon checkt mein „Partner in Crime“, was los ist. Starre ich vor mich hin heißt das, die Problemzone sind die Frauen.

„Ist was mit der Mimi“?, fragt Ali vorsichtig, und reicht mir den bestellten Döner über die Budel. Ein Knurren meinerseits bringt ihn auf die richtige Fährte. „Oje, die Bettina“, lacht Ali, „was ist, habt ihr euch endlich getroffen?“

„Ja, ich weiß nur noch nicht, wohin“, grunze ich zurück. Bettina ist die Hübsche von willhaben.at, der ich mein altes Sofa verscherbelt hab. Das macht sich jetzt in ihrem Wohnzimmer ganz ausgezeichnet. Dort war ich nämlich, weil sie mich letzten Dienstag zu sich nach Hause eingeladen hat. Das erste Mal bei ihr daheim – ich war Stunden davor so nervös wie ein Chamäleon, das über ein Paisley-Muster laufen muss.

„Was hat sie zu dem Blumenstrauß gesagt, den Du ihr mitgebracht hast?“, will Ali wissen, den ich als einzigen übers bevorstehende Date eingeweiht habe. „Oh, wie nett. Mal schauen, ob ich so eine kleine Vase habe“, zitiere ich Bettinas Kommentar auf das Grünzeug von der Tankstelle. Vielleicht hätte ich doch die Bonbonniere nehmen sollen.

Das erste Mahl

Bettina ist Lehrerin, eine Frau mit Klasse also. Und mit einer ganz schönen Goschen, wie ich feststellen konnte. Vielleicht, weil sie mit ihren Hauptschülern auch nicht zimperlich sein kann. Da musst Dich gerade als Frau durchsetzen, sonst bist der Trottel bei den Gfrastsackeln. Weiß ich. Meine Hauptschullehrerin hat auch eine Messe lesen lassen, als ich endlich den Abschluss hatte.

Aber zurück zu Bettina. Sie teilt die Wohnung mit ihrer Tochter Caro. Die ist 23, studiert, und, was ich irgendwie komisch fand, residiert noch im Hotel Mama. Zu meiner Überraschung hat Bettina was gekocht, und dann…

„Was hat sie denn gekocht?“, unterbricht Ali interessiert. So eine neugierige Nasen, wie immer, wenns ums Essen geht. Wahrscheinlich eine Berufskrankheit. „Ist ja jetzt wurscht“ antworte ich eine Spur genervt, „es geht um ganz was anderes.“

„Bin ja schon still“, murrt Ali, und ich erzähle, dass wir uns nach dem Dinner noch mit einem Glasl Wein auf mein Sofa gesetzt haben. Also ihres, meine ich. Da kam es auch, endlich, zum Austausch von Zärtlichkeiten. „Hä?“ fragt Ali.

„Na, g´schmust haben wir halt“ erkläre ich. Ali nickt und fängt an, höchst konzentriert den Hammelspieß zu reinigen. Im Unterschied zum Thema Essen möchte er hier nicht ins Detail gehen. „Ka Angst, viel weiter sind wir eh nicht gekommen“ kann ich ihn beruhigen: „Weil plötzlich die Caro mitten im Zimmer gestanden ist. Die Tochter. Mit ihrem Freund, dem Fari.“

Let´s talk about …

Ob der Fari ihr Freund ist, oder nur „ein“ Freund – darüber schweigt sich Caro aus, hat mir Bettina später berichtet. Jedenfalls, Fari, aus Afghanistan stammend, ist seit etwa zwei Jahren in Österreich. Das Mädel hat ihn zufällig auf der Straße kennen gelernt. Da hat er sie angesprochen, einfach so. Caro gefiel das. Seitdem hat sich Fari quasi bei Caro und ihrer Mama einquartiert.

Seit kurzem gilt er als subsidiärer Flüchtling, mit der Aufenthaltsberechtigung auf Zeit. 18 Jahre alt ist er, hat mir Bettina später verraten. Mit seinem Vollbart und auch von der kräftigen Statur her hätte ich ihn locker auf Mitte Zwanzig geschätzt.

„Und, wie ist die Tochter so?“, Alis Aufmerksamkeit gilt nun wieder mir, den Hammelspieß ignoriert er. „Jo eh“, fasse ich meinen ersten Eindruck zusammen.

„Scheinbar taugt es Caro nicht sonderlich, wenn die Frau Mama Herrenbesuch bekommt. Wir haben uns kurz begrüßt, dann habe ich angenommen, die beiden Kids werden sich in Caros Zimmer verziehen. Damit ich mit der Bettina in Ruhe weiterschmusen kann.“

Weit gefehlt. Ich schildere Ali, wie diese meine Hand unter ihrem Rock ganz schnell weggeschoben hat, und gschamig wie ein ertappter Teenager aufgesprungen ist. Trotzdem gab es von Caro eins auf den Deckel. „Müsst ihr euch vorm Fari ausgreifen?“ hat sie geblafft, „kannst Du endlich einmal auf ihn Rücksicht nehmen, auf seine Kultur? Gott sei Dank sind wir noch rechtzeitig heimkommen, bevor…“

Falsche Toleranz

Ali macht nun große Augen: „Oha. Und weiter?“ „Mir ist rausgerutscht, dass Ausgreifen bei mir schon ein bissl anders ausschaut. Und der Fari alt genug ist, um zu wissen, was zwei Erwachsene am Abend so am Sofa treiben. Andere Kultur hin oder her.“ Ali grinst.

„Caro hat mich angefaucht, ich wäre ein sexistisches Arschloch. Und ein rassistisches dazu.“ Ali grinst noch mehr. „Dann ist sie ihre Mama angegangen, sie soll sich gefälligst was Gescheites anziehen. Oder ob sie den armen Fari absichtlich dauernd provoziert.“

„Und, was hat dieser arme Fari eigentlich dazu gesagt?“, spöttelt mein Freund. „Zuerst nix. Dann hat er gemurmelt, wie sich Frauen in Wien kleiden, findet er schon oft komisch. Und Küssen vor anderen wäre total abartig, und in seiner Heimat darum absolut verpönt. Hinterher habe ich von Bettina erfahren, dass Fari total von den Socken war, als er einmal zwei Männer Hand in Hand auf der Kärntner Straße spazieren gehen sah. Für ihn Perverse, die ins Gefängnis gehören.“

Trotzdem Wiederholungsdater

„Hm, diese vielen Schwulen da bei euch sind schon… naja. Aber egal, was war dann noch mit Deiner Bettina?“, lenkt Ali das Gespräch aufs Wesentliche.

„Die hat am nächsten Tag angerufen, und sich für das Verhalten ihrer Tochter entschuldigt. Angeblich wäre die früher nicht so deppat gewesen. Aber seit sie mit Fari und anderen Flüchtlinge abhängt würde sie es mit der Toleranz und dem Verständnis für jeden Blödsinn von denen voll übertreiben.“

Genau genommen hat der Lehrkörper meiner Begierde gesagt: „Weißt, Wukkerl, die Caro ist voll am Sozialtrip. Für sie ist schon jemand fremdenfeindlich, der Weihnachten nicht sofort abschaffen will, oder findet, die Flüchtlinge könnten sich ruhig auch ein bissl anpassen an unsere Regeln und Gebräuche. Demnächst soll ich mir vielleicht noch so ein Burka-Gefängnis überwerfen, um einen Moslem nicht mit unserer unmoralischen westlichen Lebensart zu verstören.“ „Na geh, das wäre ja schad´, wenn man nur so wenig von Dir sieht“ habe ich geantwortet.

„Und, nächstes Date?“, stellt Ali die wichtigste Frage überhaupt. Ich nicke: „Jo. Aber ohne Publikum. Nur sie und ich. Vielleicht klappts ja dann.“

Man muss kein hoffnungsloser Träumer sein, um sich noch einmal zum Trottel zu machen. Aber es hilft dabei ungemein.

 

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