Funksprüche Mitten im Leben

Beziehungsstatus

Photo: Michael Holler (edited), CC BY-NC 2.0

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

„Du musst Deine Gefühle zulassen“, lallt die dralle 40-plus-Dame ihrem Begleiter zu. „San eh zua, die Gefühle“, kommt als Antwort von diesem zurück.

Eigentlich wollte ich nach der Abendschicht nur gschwind zum Ali. Meinem Freund mit dem Kebab-Standl in Ottakring. Auf einen Döner, ein 16-er-Blech und gemeinsames Schweigen. Nix reden, sich nur ab und zu zuzunicken – das ist es, was ein Männergespräch so wertvoll macht.

Und jetzt raubt mir die angeheiterte Tante mit ihrem Eso-Geschwurbel den letzten Nerv. Ali scheint meine Gedanken zu lesen, er reicht mir den Döner über die Budel und grinst. „Was ist, Burschen, habts ihr beiden ka Beziehung?“ fragt die Schnapsdrossel nun in meine Richtung.

„Ich hab heute mein Bett frisch bezogen – quasi bin ich dann in einer Bett-Ziehung, oder?“ Merkbar versteht sie kein Wort, aber wenigstens wendet sie sich kopfschüttelnd wieder ihrem Kerl zu.

„Alles Trotteln heute“, flüstert Ali nun verschwörerisch, „aber gestern war einer da, der war außer deppat nur noch deppat.“ Er erzählt, dass dieser Typ zunächst ganz höflich was zum Mitnehmen bestellt hat. Kurz vorm Gehen nannte er Ali plötzlich einen Scheißkanaken und meinte, er solle sich doch „dorthin schleichen, wo er herkommt“.

„Ich wollte aber gestern nicht in die Quellenstraße 36“, sagt Ali, „dort komm ich nämlich her, ich bin ja in Favoriten aufgewachsen. Wo soll ich also hin?“

Nun sieht er gekränkt aus, mein Freund Ali, und ich zucke etwas hilflos mit den Schultern. „Ein Wappler, der Typ“, sage ich schließlich, „aber ihr Austrotürken habts vielleicht momentan einfach keinen guten Lauf. Was euer Präsident da grad in eurer Heimat aufführt ist hier im Ösiland etwa so harmoniefördernd, wie wenn man brennendes Zippo an einen Benzinkanister hält.“

„Das ist nicht mein Präsident“, zischelt Ali empört, „und was geht mich das überhaupt an, als Österreicher?“

Zwischen den Welten

Ich denke an Alis Zuhause, wo die Türkei-Fahne fröhlich aus dem Wohnzimmerfenster flattert. Wieder liest der Hawara anscheinend meine Gedanken: „Und für meinen Buam, den Koffer, kann ich auch nix. Der ist falsch abgebogen, und im Mittelalter aufgeschlagen. Der findet den Recep halt cool.“

Klar ist es Halil, der 16-jährige Sohn, der stolz die türkische Flagge hisst, die Gebote der Scharia für „eigentlich eh ganz okay“ hält, der kleinen Schwester das Kopftuch aufdrängen will, und der Lehrerin in der Schule erläutert, sie hätte ihm, weil Frau, gar nichts zu sagen.

Das Gros der Familie teilt die Ansichten des Juniors, immerhin hätte der Präsident die Wirtschaft angekurbelt. Wen kümmerts da, dass er seine Kritiker ins Gefängnis wirft, und der Meinungsfreiheit einen Maulkorb erteilt. Außerdem, dieser lockere, westliche Lebensstil wäre ohnehin ein einziger Sündenpfuhl. Und es darum mehr als nötig, sich im Namen der Religion dagegen zu stemmen.

„Ich hab mich in Österreich eigentlich immer daheim gefühlt“, räsoniert Ali stirnrunzelnd, „Aber, Wukkerl, grad ist es echt ein bissl schwierig. Für meine Leut´ bin ich ein Kafir, ein Ungläubiger, und für euch Ösis ein Kanake.“

Er seufzt nun so gequält, dass sich die Eso-Tante erstaunt zu uns umdreht. „Beziehungsstatus: es ist kompliziert“ sage ich zur Erklärung. „Kenn ich“, antwortet sie, „a schener Schas.“

Darauf trinken wir dann alle vier.

 

Kommentar verfassen