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Anti-Trump Land Kanada

Photo: WORLD ECONOMIC FORUM/swiss-image.ch/Jolanda Flubacher, CC BY-NC-SA 2.0

Der neben dem Elefanten schläft

„Komm nach Cape Breton Island, wenn Trump gewinnt“ – Mit dieser Einladung warb die kleine Insel im Osten Kanadas, nördlich von Boston, kurz vor den Wahlen in den USA. Die Preise für Häuser seien die niedrigsten in Nord-Amerika, frischer Hummer, Langusten und Fische praktisch täglich erhältlich, die Schulen kostengünstig und auf höchstem Niveau und die Landschaft ein Paradies für Wandern, Klettern und Bergsteigen. Die Webpage der Insel und andere Seiten mit Erklärungen für Einwanderer nach Kanada wurden zwar tausende Male von Amerikanern angeklickt, aber nach den Wahlen kamen dann doch nicht mehr als im Jahr zuvor.

Kanada, das zweitgrößte Land der Welt, fast so groß wie Europa aber nur von knapp 35 Mill. Einwohnern bewohnt und nur 30 Km von Grönland entfernt, ist der schlafende Riese in Nord-Amerika, der es nur selten in die Schlagzeilen der Nachrichten schafft. Trotz Immobilienblase in Vancouver und Toronto, unterbewerteter Börse und einem Niedrig-Kurs des Kanadischen Dollars hat das Land mit dem unerschöpflichen Reichtum an Bodenschätzen und Holz einen stabilen Platz unter den zehn reichsten Ländern der Welt, ein ausgeprägtes Sozialsystem und eine großzügige Einwanderungspolitik.

Ähnlich wie in den USA dominieren zwei Parteien die politische Landschaft. Die Liberal Party (LPC), die 2015 die Wahl gewann, und die Conservative Party (CP), die zuvor fast zehn Jahre lang regierte und ähnlich wie die Republikaner in den USA die Militärausgaben erhöhte und Steuern und Sozialbudget kürzte.

Der Anti-Trump

Doch dann kam der 45-jährige Justin Trudeau von der LPC, ältester Sohn des ehemaligen Premierministers Pierre Elliott Trudeau, und eroberte nicht nur Kanada, sondern wurde der umjubelte Polit-Popstar der Links-der-Mitte-Welt und Symbol des ‚besseren’ Amerikas. Sein Vater Pierre Trudeau gilt bis heute als die große Ausnahme unter den Polit-Bürokraten. Ein eindrucksvoller, charismatischer Intellektueller, der ein Verhältnis mit Barbara Streisand hatte, den John Lennon besuchte, und dessen erste Ehefrau, die Mutter von Justin, mit Jack Nicholson auf einer Toilette überrascht wurde. In den heutigen Bilderbüchern der politischen Biedermänner hätte er wohl kaum eine Chance auf eine politische Karriere.

Sohn Justin begann seinen Erfolgskurs mit der immer noch berühmten Grabrede für seinen Vater, der im Jahr 2000 starb. Der damals 28jährige sagte:

Toleranz reicht nicht. Wir brauchen tiefen Respekt für jedes Individuum, ungeachtet seiner Meinung und Herkunft. Das verlangte mein Vater von seinen Söhnen und seinem Land. Er hat uns daran erinnert, wer wir sind und wozu wir fähig sind. Jetzt liegt es an uns.

2010 schaffte er es ins Parlament und ließ während des Wahlkampfs keine Gelegenheit aus, um seine Nähe zum Volk zu beweisen. Von der Striptease-Show zugunsten von Leberkranken bis zu einem Boxkampf gegen einen konservativen Konkurrenten, um Gelder für die Krebsforschung zu sammeln, nutzte der ewig lächelnde Sonnyboy geschickt die Medien und wurde schließlich als der neue Kennedy Kanadas verehrt. 2015 siegte er mit einem Programm, das eher dem von Bernie Sanders als jenem vom Hillary Clinton glich, und wurde damit zum Traum-Premier der Linken und Links-Liberalen. Erhöhung der Steuern für die Reichen, offene Grenzen für Flüchtlinge, Erhöhung der staatlichen Investitionen, radikale Änderung der Klimapolitik, Legalisierung von Marihuana und Gleichstellung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare.

Ein Jahr vor der Wahl Trumps bildete er eine Regierung in Form eines links-liberalen Dream-Teams mit 15 Frauen, 15 Männern, einem Homosexuellen, einer Indianerin, einem ehemaligen Astronauten, einer blinden Schwimmerin, die bei den Special Olympics 1988 und 1992 startete, einer Frau aus Afghanistan, die erst mit 6 Jahren nach Kanada kam, und 4 Sikhs. In Davos als Gast des World Economic Forum scherzte er mit Bono und Kevin Spacy und wurde für das Statement, sowohl Männer als auch Frauen sollten Feministen sein, vom Publikum bejubelt.

Dann kam Trump, der mit all dem Poltern und all seiner Aggressivität zu Beginn den Kollegen im Norden noch populärer macht, zu einem ‚Anti-Trump’ eines ‚besseren Amerikas’. Während des Wahlkampfs twitterte Trump: „Trudeau macht einen schrecklichen Job. Er sollte sich schämen, sich Präsident von Kanada zu nennen.“

Im Februar, kurz nach Trumps Wahlsieg, kam es zur ersten Begegnung der beiden in Washington und alle, die aufgeregt auf ein mutiges Auftreten ihres ‚Helden’ gewartet hatten, wurden bitter enttäuscht. Es siegte der Pragmatismus.

Er sei hier als Vertreter des kanadischen Volkes und nicht als Schulmeister eines anderen Landes, erklärte Trudeau den Journalisten, und gemeinsam mit Trump betonte er die wirtschaftlichen Interessen beider Länder sowie die wichtige Zusammenarbeit der Armeen in vielen internationalen Konfliktherden. Bei einer Export-Quote in die USA von 76% seien Millionen Arbeitsplätze in beiden Staaten von einer guten Kooperation abhängig.

Von einem Ende von NAFTA, wie von Trump noch vor den Wahlen angekündigt, war dann keine Rede mehr.

Die Demontage

Begonnen hat Trudeaus Abstieg mit einem Loblied auf den verstorbenen „Familienfreund“ Fidel Castro, der einen derartigen Sturm der Empörung auslöste, dass er auf die Teilnahme am Begräbnis verzichtete. Wenige Monate später verlor er auch die Bewunderer unter den Umweltschützern und Indianern, als er im November 2016 dem Bau einer Ölpipeline durch die Provinz Alberta zustimmte, die laut Kritikern eine ökologische Katastrophe auslösen könnte.

Jane Fondas Reaktion darauf: „Die Lehre daraus heißt: Lassen wir uns in Zukunft nicht für blöd verkaufen von einem gut aussehenden Liberalen!“

Wenig später wurde bekannt, dass Trudeau Spendern, die mindestens 1.500 Dollar für seine Partei zahlten, einen privaten Besuch abstatte, um sich bei Kaffee und Kuchen für die Großzügigkeit zu bedanken. Unter ihnen der Milliardär Zhang Bin, der nach dem Kaffee-Plausch mit dem Premier eine Million Dollar an die Pierre-Trudeau-Stiftung spendete.

Den langsam dünner werdenden, aber immer noch über ihm schwebenden Heiligenschein zerstörte er komplett mit dem Weihnachtsurlaub 2016, den er mit der gesamten Familie auf der Privatinsel des Milliardärs Aga Khan verbrachte. Trudeau musste vor die Ethikkommission des Parlaments, was so gar nicht in das Image des besorgten Premierministers passte, der versprochen hatte, sich vor allem um das Wohl der kanadischen Mittelklasse zu kümmern.

Aus dem ‚Kennedy Kanadas’ wurde in den Kommentaren der Kritiker plötzlich ein ‚Bill Clinton Kanadas’, der sich hemmungslos praktisch jedem anbot, wenn er nur genügend zahlte. Trudeau begab sich nach diesem Image-Desaster auf eine Reise durch Kanada, um sich die Sorgen und Probleme der ‚Normalbürger’ anzuhören und seine ehemaligen Unterstützer wieder zurück zu holen.

Trudeaus Hauptproblem wird jedoch Trump bleiben, der bei 80 Prozent der kanadischen Bevölkerung ein extrem negatives Image hat. Die politische Diskussion dreht sich um den Konflikt ‚Trampeltier gegen Musterschüler’ und trotz der Sympathie und Unterstützung, die Trudeau für seine liberalen und sozialen Ansichten genießt, ist die Mehrheit der Kanadier nicht sicher, ob er sich gegen Trump auch durchsetzen können wird. Trump kritisierte bereits, dass die großzügige Einwanderungspolitik und die offene Grenze zwischen Kanada und der USA eine Gefahr für Amerika bedeute.

Kanada kann durch seine geographische Isolation und wirtschaftliche Abhängigkeit keinen Konflikt mit den USA riskieren. Schon Justins Vater, der ehemalige Premierminister Pierre Trudeau, meinte im Zusammenhang mit den Konfrontationen, die er mit Richard Nixon und Ronald Reagan hatte:

Neben den USA zu leben, ist, wie neben einem Elefanten zu schlafen. Egal, wie freundlich das Biest auch sein mag, man ist von jedem Zucken und Grunzen betroffen.

 

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