Funksprüche Mitten im Leben

Allahu Adolf!

Guter Mann, der Hitler

In der Früh bin ich fröhlich durch die Küche gesteppt, jetzt trommle ich mit den Fingern aufs Lenkrad. Entweder ist das der Frühling, oder ich bin verliebt. Oder beides. Dass mir das überhaupt wieder passiert, jessas. In meinem Alter! Da verknallt man sich ja vielleicht schon noch, aber halt viel leiser. Ich hingegen könnte gerade „Bettina, Bettina“ aus dem Wagenfenster schreien. Zum Glück nähert sich in diesem Augenblick ein Fahrgast dem Standplatz im 16., steuert auf mein Taxi zu. Ein junger, fescher Typ, sieht aus wie ein Araber, er lächelt freundlich und gleitet elegant auf den Rücksitz. In den 22. Hieb mag er, was von Ottakring aus nicht gerade ums Eck ist. Auf der langen Fahrt beginnen wir zu plaudern.

Ich hatte mit meiner Vermutung recht, aus Syrien kommt der nette Kerl, und er heißt Baschar. Seit drei Jahren lebt der Flüchtling nun in Wien, erzählt er, und darf sich, endlich, über den positiven Asylstatus freuen. Den obligaten Wertekurs und diverse Deutschkurse hat er flott absolviert, ab Herbst will er hier studieren. Jus oder Wirtschaft. In seiner Heimat kam knapp nach der Inskription auf der Uni der Krieg dazwischen.

Heil Sightseeing

Man merkt Baschar die gute Kinderstube an, so smart und zuvorkommend, wie er ist. Im lockeren Plauderton erzählt er von seinem neuen Leben. In Österreich fühlt er sich wohl, wenngleich er auch merkt, dass er nicht bei allen willkommen ist.

„Meinen Freund haben Nazis auf der Straße verprügelt“, berichtet er, „und in der Flüchtlingsunterkunft haben Unbekannte „Scheiß Islam, geh ham!“ an die Mauer gesprayt.“ Rechtsradikale waren das, glaubt Baschar, die was gegen Flüchtlinge wie ihn haben. Angst machen sie ihm, diese Skinheads, die so gerne zündeln. „Ja, so Trotteln gibt’s da leider“, seufze ich, „am besten man schert sich nicht um die Deppen.“ Baschar nickt zustimmend, sehe ich im Rückenspiegel. Dann, wir fahren gerade den Ring runter, bricht er plötzlich in Entzücken aus.

„Schön, so schön“, jubelt er beim Anblick des Burgtheaters, „So viel Schönes hat Österreich. Theater. Oper. Kaffeehäuser. Parks. Schloss Schönbrunn!“ Er kriegt sich gar nicht mehr ein, und ich muss grinsen. „Apfelstrudel, Sachertorte, Schnitzel … die Donau, so viel schöne Natur, Wald, Lipizzaner, Mozart, Adolf Hitler.“ Ich stutze. Wahrscheinlich hab ich mich verhört. „Adolf Hitler?“ frag ich vorsichtig nach. „Ja, Hitler“, wiederholt Baschar im selben verzückten Tonfall wie vorhin: „guter Mann, guter Mann, der Hitler.“

 Adi, der Popstar

Ein paar Minuten ist es seltsam ruhig im Wagen. „Hitler, das war ein irrer Massenmörder, der hat Konzentrationslager gebaut und 6 Millionen Juden umgebracht“, sage ich dann, und meine Stimme klingt komisch belegt.

„Das war vielleicht etwas übertrieben von Hitler“, antwortet Baschar schnell, der ob der plötzlichen Stille irritiert wirkt, „aber trotzdem war er ein guter Mann. Der hat es geschafft. Von ganz unten bis ganz oben. Guter Mann. Hat gegen die Juden gekämpft. Heutzutage tut niemand mehr was gegen die Juden. Die beherrschen die Welt. Die ganze Welt beherrschen die Juden.“

Mir wird übel. Vor einiger Zeit hatte ich einmal zwei Glatzschädeln als Fuhre, die einen ähnlichen Nazi-Quatsch absonderten. Nach fünf Minuten hab ich die beiden mitten in der Gstettn rausgehaut. Aber, meine Güte, dieser Typ da ist ein Flüchtling. Darf man den aus demselben Grund aus dem Wagen schmeißen? Weil er Hitler wie einen Popstar verehrt? Ich will was sagen, aber Baschar kommt mir zuvor: „Wissen Sie, die Juden ermorden Kinder in Palästina und vergiften unsere Brunnen. Und in Österreich zahlen die Juden nicht einmal Steuern. Ist das nicht Ärger für Sie?“ Jetzt reichts aber. „Pass einmal auf, Du Kasperl“, blöcke ich ihn an, „was redst Du denn da für einen Schas daher? Was ist das für ein unglaublicher Blödsinn?“ 

Eiernockerln unter sich

Baschar drückt sich trotzig in seinen Sitz. „Haben Sie ‚Mein Kampf‘ von Adolf Hitler gelesen? Ich habe. Alle haben wir das gelesen. Mein Vater, meine Brüder, sogar meine Mutter.“

Ich erfahre, dass es Hitlers Machwerk in Syrien in jeder Buchhandlung gibt. Dass Baschar zwar keinen Juden persönlich kennt, Allah möge abhüten. Aber der Hass auf „die Juden“ in seiner Familie, seiner Community sowie der ganzen arabischstämmigen Gemeinschaft, scheint es, so tief sitzt wie ein giftiger Stachel. Auch in den Moscheen wird in den Predigten dafür gebetet, dass Gott die Juden samt dem verdammten Israel endlich vernichten möge. Mir ist irgendwie übel, eine Tschick wäre jetzt leiwand, obwohl ich vor Monaten aufgehört habe. Baschar, der die Verstimmung wohl spürt, gibt sich nun wieder eine Spur verbindlicher.

Bei einem Spaziergang durch den 2. Bezirk habe er einmal Juden gesehen, die aus einer Synagoge kamen, erzählt er. Mit Kippa und so. Die sahen eigentlich ganz normal aus. Das hätte ihn gewundert. Dennoch, der Imam hat doch immer gewarnt vor dem schmutzigen und geldgierigen Volk Israels, das nichts als den Tod verdient. Mittlerweile sind wir am Ziel angekommen. Baschar bezahlt, inklusive Trinkgeld, und ist wieder der wohlerzogene Mann, als der er eingestiegen ist. „Du brauchst keine Angst haben vor den rechten Skinheads“, beruhige ich ihn zum Abschied, „Ihr habt so vieles gemeinsam. Setzt’s euch doch einmal z’samm, bei Eiernockerln mit Salat, und plauderts ein bissl.“ Mein Fahrgast runzelt die Stirn, die Lieblingsspeise vom Adi hat sich in Arabien offensichtlich noch nicht herumgesprochen. „Auf Wiedersehen“, sagt er höflich, und geht eilig weg.

Wenigstens kein „Heil Hitler“. Man muss ja schon über alles dankbar sein. Und jetzt gönn ich mir die Zigarette.

 

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