Feuilleton USA

Zukunft nach Trump

Mehr Selbstkritik, bitte!

(Slavoj Žižek, NZZ) »Seit Trumps Wahl versinkt die Linke in selbstgerechter Entrüstung. Dabei hat sie jetzt die Chance, sich selber zu erneuern.Kein Wunder, dass Rechtsaussen-Bewegungen versuchen, die Kampagne für die Rechte von Schwulen, Lesben und Transgender in ihre politische Agenda zu übernehmen – natürlich nur wenn es darum geht, gegen Muslime oder Migranten zu Felde zu ziehen. Auf den Websites weisser amerikanischer Nationalisten werden LGBT-Pride-Wimpel mittlerweile zusammen mit der Konföderiertenflagge verkauft. Doch leere Aufrufe zu allseitiger Solidarität und politischen Bündnissen genügen nicht. Man muss sich der Grenzen der Identitätspolitik bewusst werden, indem man ihr ihren privilegierten Status nimmt.

Es gibt zwei Antworten auf Trumps Wahlsieg, die keine Lösung bieten, weil sie selbstzerstörerisch sind. Die eine besteht darin, sich so fasziniert wie arrogant über die Dummheit der Wähler aufzuhalten, die nicht merken, dass sie gegen ihre eigenen Interessen votiert haben und auf Trumps Demagogie hereingefallen sind. Die andere besteht im Aufruf zur sofortigen Gegenoffensive, die ein Echo von Trumps antiintellektueller Haltung ist. Judith Butler hat klar festgehalten, dass Trump den Menschen die Gelegenheit gibt, nicht nachzudenken, nicht nachdenken zu müssen. (Sie weiss natürlich genau, dass Hillary Clintons Berufung auf Komplexität aber einen schalen Beiklang hatte: Sie berief sich meist nur darauf, um Forderungen des linken Parteiflügels abzuwehren.)«

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